
Unsere Beurteilungsfrage gegen Ängste.
Morgen ist Schulsprechstunde. Eigentlich ein ganz normaler Termin. Doch schon heute meldet sich der Magen, das Kopfkino läuft auf Hochtouren: „Was wird die Lehrerin sagen? Habe ich als Mutter etwas falsch gemacht? Bin ich ein schlechter Vater?“ Seltsam: Das Kind bekommt die Noten, aber die Eltern fühlen sich geprüft. Höchste Zeit, die Rollen wieder richtig zu verteilen: weg mit der Angst vor der Schulsprechstunde!
Viele Eltern kennen dieses Gefühl: Ein Gespräch mit der Lehrperson steht bevor, und plötzlich tauchen Befürchtungen auf. Vielleicht hat das Kind Schwierigkeiten beim Lernen, verhält sich im Unterricht auffällig oder bringt schlechtere Noten nach Hause. Natürlich möchten Eltern wissen, wie es ihrem Kind geht. Sie fühlen sich verantwortlich und wollen helfen. Doch manchmal mischt sich unter diese berechtigte Sorge eine ganz andere Angst: „Was, wenn die Lehrerin denkt, dass ich als Mutter oder Vater versagt habe?“
Psychologisch spielt dabei die Angst vor negativer Bewertung eine wichtige Rolle. Wir Menschen möchten anerkannt werden und dazugehören. Kritik kann deshalb unser Selbstwertgefühl berühren, besonders wenn wir hohe Ansprüche an uns selbst stellen. Frühere Erfahrungen können diese Reaktion verstärken. Wer als Kind häufig kritisiert, beschämt oder mit anderen verglichen wurde, reagiert möglicherweise auch als Erwachsener empfindlicher auf Bewertungen durch Autoritätspersonen.
Plötzlich sitzen wir gedanklich wieder auf der Schulbank. Nur die Füße reichen inzwischen bis zum Boden. Dabei lohnt sich eine klare Unterscheidung: Die Lehrperson beurteilt die schulische Entwicklung Ihres Kindes. Sie entscheidet nicht über Ihren Wert als Mensch.

Cover unserer Radiosendung über Ängste
Inhalte und Grafik: TELOS
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Unsicherheit verschwindet selten dadurch, dass wir uns einreden: „Ich darf keine Angst haben!“ Hilfreicher ist es, die eigenen Befürchtungen zu verstehen und neue Verhaltensweisen auszuprobieren. Oft genügen kleine Veränderungen, um aus einem gefürchteten Termin ein konstruktives Gespräch zu machen. Die folgenden fünf Übungen helfen Ihnen, mit mehr Ruhe, Selbstvertrauen und Klarheit in die Schulsprechstunde zu gehen.
Ihr Kind schreibt eine schlechte Mathematikarbeit. Das ist zunächst eine Information über seine aktuelle Leistung in Mathematik. Kein Urteil über Ihre Erziehungsfähigkeit! Kinder haben Stärken, Schwächen, unterschiedliche Entwicklungsschritte und gelegentlich einfach einen schlechten Tag. Positive Praxisbeispiele:
„Mein Kind hat Schwierigkeiten beim Rechnen. Wir suchen gemeinsam eine Lösung.“
„Eine schlechte Note macht mich nicht zu einer schlechten Mutter.“
„Mein Kind darf Fehler machen und daraus lernen.“
„Ich kann mein Kind unterstützen, ohne alles kontrollieren zu müssen.“
Fragen Sie sich: „Wer entscheidet wirklich darüber, ob ich gut genug bin?“ Die Lehrerin? Ihr Partner? Die Nachbarn? Ihre Eltern? Natürlich dürfen andere Ihr Verhalten beurteilen und Ihnen Rückmeldungen geben. Ihren grundsätzlichen Wert als Mensch bestimmen sie jedoch nicht. Positive Praxisbeispiele:
„Ich darf Fehler machen und trotzdem mit mir zufrieden sein.“
„Die Meinung der Lehrerin ist wichtig, aber kein Urteil über meine Person.“
„Ich nehme Rückmeldungen ernst, ohne mich persönlich abzuwerten.“
„Ich muss nicht allen Erwartungen entsprechen.“
Diffuse Ängste wachsen besonders gut im Nebel. „Bestimmt wird es schlimm!“ ist deshalb ein wunderbarer Dünger fürs Kopfkino. Fragen Sie genauer: Was befürchte ich tatsächlich? Welche Hinweise gibt es dafür? Was könnte ich tun, wenn es eintritt? Damit wird aus einer unbestimmten Bedrohung ein bearbeitbares Thema. Positive Praxisbeispiele:
„Welche Schwierigkeiten beobachtet die Lehrerin konkret?“
„Wie erlebt mein Kind die Situation selbst?“
„Was funktioniert in der Schule bereits gut?“
„Welche Unterstützung wäre jetzt hilfreich?“
„Was können Schule und Eltern gemeinsam beitragen?“
Eine Schulsprechstunde ist keine Gerichtsverhandlung. Die Lehrperson kennt Ihr Kind aus dem Unterricht, Sie kennen es aus dem Familienalltag. Beide Perspektiven sind wertvoll. Gehen Sie deshalb mit dem Ziel hinein, Informationen auszutauschen und gemeinsam Lösungen zu finden. Positive Praxisbeispiele:
„Zu Hause erleben wir unser Kind in dieser Situation anders.“
„Können Sie mir ein konkretes Beispiel nennen?“
„Was würden Sie uns empfehlen?“
„Ich möchte auch die Sicht unseres Kindes berücksichtigen.“
„Lassen Sie uns überlegen, wie wir gemeinsam helfen können.“
Wenn wir Angst haben, reagiert auch unser Körper: Herzklopfen, angespannte Muskeln, flache Atmung. Das kann wiederum die Unsicherheit verstärken. Nehmen Sie sich vor dem Gespräch einen kurzen Moment Zeit. Spüren Sie den Boden unter den Füßen, lassen Sie die Schultern locker und atmen Sie ruhig aus. Positive Praxisbeispiele:
Vor dem Betreten des Klassenzimmers dreimal ruhig ausatmen.
Beide Füße bewusst auf den Boden stellen.
Einen hilfreichen Satz vorbereiten: „Ich bin hier, um mein Kind zu unterstützen.“
Bei einer schwierigen Rückmeldung kurz innehalten.
Sich erlauben, eine Antwort zunächst zu überdenken.
Diese kleine Übung können Sie immer dann verwenden, wenn Sie Angst vor der Bewertung anderer Menschen haben. Nehmen Sie ein Blatt Papier und beantworten Sie die folgenden Fragen möglichst ehrlich. Wer entscheidet wirklich darüber, ob ich als Mensch gut genug bin?
| Wer? | Ja | Nein |
|---|---|---|
| Meine Eltern? | ☐ | ☐ |
| Die Lehrerin oder der Lehrer? | ☐ | ☐ |
| Mein Partner oder meine Partnerin? | ☐ | ☐ |
| Meine Kinder? | ☐ | ☐ |
| Meine Nachbarn? | ☐ | ☐ |
| Andere Menschen? | ☐ | ☐ |
Wer entscheidet denn wirklich über meinen grundsätzlichen Wert als Mensch?
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Aufrecht und selbstsicher zeigt sich dieser Teilnehmer.
Schnappschuss aus einem unserer Trainings
Foto: TELOS
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In Ihrer Kindheit waren Sie auf die Fürsorge und Anerkennung Erwachsener angewiesen. Heute können Sie zunehmend selbst bestimmen, welche Maßstäbe Sie an sich anlegen und wie Sie mit fremden Bewertungen umgehen. Die entscheidende Erkenntnis: Ihr menschlicher Wert steht nicht zur Abstimmung. Natürlich tragen Sie Verantwortung für Ihr Verhalten. Sie können Fehler machen, Kritik annehmen und sich verändern. Aber Sie müssen sich Ihren Wert als Mensch nicht bei jeder Schulsprechstunde neu verdienen. Diese Haltung lässt sich üben. Sie macht uns unabhängiger von fremden Urteilen und gleichzeitig offener für sachliche Rückmeldungen.
Warum geraten wir immer wieder in dieselben Sorgenfallen? Unser Gehirn versucht, mögliche Gefahren frühzeitig zu erkennen. Das ist grundsätzlich nützlich. Manchmal überschätzt es jedoch Bedrohungen, ergänzt fehlende Informationen durch negative Vermutungen und verwechselt Kritik an einem Verhalten mit Ablehnung der ganzen Person. Drei typische Denkfehler sorgen besonders zuverlässig für unnötiges Herzklopfen.
„Die Lehrerin denkt bestimmt, wir kümmern uns zu wenig um unser Kind!“ Woher wissen Sie das? Hat sie es gesagt? Oder hat Ihr innerer Drehbuchautor wieder Überstunden gemacht? Besonders vor Gesprächen neigen wir dazu, negative Bewertungen anderer vorwegzunehmen. Dadurch belasten wir uns mit Urteilen, die möglicherweise niemals ausgesprochen werden.
Besser: Fragen Sie nach, statt Vermutungen für Tatsachen zu halten. „Wie schätzen Sie die Situation ein?“ bringt mehr Klarheit als zwanzig Minuten Gedankenlesen.
Das Kind hat Schwierigkeiten beim Lesen. Im Kopf entsteht daraus eine ganze Zukunftsgeschichte: schlechte Noten, Schulversagen, keine Ausbildung, keine beruflichen Chancen. Und schon wird aus einem konkreten Lernproblem eine Lebenskatastrophe.
Besser: Bleiben Sie bei der aktuellen Situation. Welche Schwierigkeit besteht tatsächlich? Was braucht Ihr Kind jetzt? Welche Unterstützung ist möglich? Zukunftssorgen lösen selten die Hausaufgaben von heute.
Manche Eltern glauben, sie müssten immer alles richtig machen. Das Kind soll erfolgreich, höflich, motiviert, selbstständig und selbstverständlich glücklich sein. Am besten rund um die Uhr. Ein ziemlich anspruchsvolles Stellenprofil. Wer Perfektion erwartet, erlebt jede Schwierigkeit als persönliches Versagen.
Besser: Erlauben Sie sich, ausreichend gute Eltern zu sein. Kinder brauchen verlässliche Zuwendung, Orientierung und Unterstützung. Perfekte Eltern wären vermutlich ohnehin furchtbar anstrengend.
Angst hat viele Gesichter. Manche Menschen fürchten sich vor Spinnen, andere vor engen Räumen, dem Fliegen oder davor, vor einer Gruppe zu sprechen. Wieder andere leiden besonders unter der Angst, negativ beurteilt, ausgelacht oder abgelehnt zu werden. In der Psychologie unterscheidet man unter anderem spezifische Phobien, soziale Angststörungen und generalisierte Angststörungen. Doch Vorsicht mit den Etiketten: Nicht jede Abneigung gegen Spinnen ist eine Spinnenphobie. Und nicht jede Nervosität vor der Schulsprechstunde ist eine psychische Erkrankung.
Angst (vor) • Amphibien (Batrachophobie) • angefasst zu werden (Aphesphosmophobie) • angestarrt zu werden (Ophthalmophobie) • Ärzten (Iatrophobie) • Bärten (Pogonophobie) • Brücken zu überqueren (Gephyrophobie) • Clowns (Coulrophobie) • Deformation, Entstellung (Teratophobie) • die Augen zu schließen (Optophobie) • die Manneskraft zu verlieren (Medomalacuphobie) • Dieben (Harpaxophobie) • eine ansteckende Krankheit zu haben (Tapinophobie) • Ersticken (Pnigerophobie) • Falten zu bekommen (Rhytidophobie) • Farben (Chromatophobie) • Federn oder mit Federn gekitzelt zu werden (Pteronophobie) • Fehlern oder besiegt zu werden (Kakorrhiaphobie) • Fremdsprachen (Xenoglossophobie) • Fröschen (Ranidaphobie) • gefesselt zu werden (Merinthophobie) • Geistern (Phasmophobie) • Gold (Aurophobie) • Haaren (Trichopathophobie) • Haifischen (Selachophobie) • Haut, Fell oder Tierhäuten (Doraphobie) • herabstürzenden Satelliten (Keraunothnetophobie) • Hölle (Stygiophobie) • Knoblauch (Scorodophobie) • Küssen (Philematophobie) • lächerlich gemacht zu werden (Catagelophobie) • Leere, leeren Räumen (Kenophobie) • Menschen, Gesellschaft (Anthropophobie) • Menschenmassen (Enochlophobie) • Neuem, Neuerungen (Cainophobie) • Schamröte (Erytrophobie) • Schnee (Chionophobie) • Schulbesuch (Didaskaleinophobie) • Schwerkraft (Barophobie) • Spinnen (Arachnophobie) • Unvollkommenheit (Atelophobie) • Wellen (Cymobphobie) • Wespen (Spheksophobie) und noch viele mehr…
Entscheidend ist weniger der exotische Name als die Frage: Wie stark beeinträchtigt mich die Angst in meinem Leben? Wer beim Anblick einer Spinne kurz zusammenzuckt, braucht deshalb keine Therapie. Wer wegen starker Angst wichtige Gespräche, alltägliche Situationen oder soziale Kontakte regelmäßig vermeidet, sollte sich dagegen Unterstützung holen.

Schon der Anblick eines Klassenzimmers kann alte Schulerfahrungen wachrufen. Heute sitzen Eltern in einer anderen Rolle dort – und dürfen diese auch selbstbewusst einnehmen.
Aufnahme aus einem Schulmuseum. Auch heute gibt es noch die Angst vor der Schulsprechstunde und zwar auf beiden Seiten, sowohl bei den Eltern als auch beim Lehrpersonal … Wenn aus Verlegenheit Angst wird, ist es Zeit etwas zu unternehmen!
Foto: TELOS
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Die Angst vor der Schulsprechstunde mag Außenstehenden harmlos erscheinen. Für Betroffene kann sie jedoch sehr belastend sein. Schließlich geht es um das eigene Kind, um Verantwortung und häufig auch um die Frage, ob man als Mutter oder Vater den Erwartungen entspricht. Gerade deshalb lohnt es sich, die eigene Reaktion genauer anzuschauen. Was befürchte ich tatsächlich? Eine schlechte Nachricht über die schulische Entwicklung meines Kindes? Oder das Gefühl, selbst beurteilt und möglicherweise abgewertet zu werden?
Diese Unterscheidung kann viel verändern. Wenn Sie Ihre Befürchtungen konkret benennen, können Sie sachliche Probleme gezielter angehen. Und wenn Sie erkennen, dass Ihr Selbstwertgefühl von der Meinung anderer abhängig geworden ist, können Sie daran arbeiten, innerlich unabhängiger zu werden. Die Beurteilungsfrage hilft dabei, einen wichtigen Unterschied zu verstehen: Andere Menschen dürfen unser Verhalten beurteilen. Sie dürfen uns kritisieren, loben, widersprechen oder Erwartungen äußern. Über unseren grundsätzlichen Wert als Mensch entscheiden sie nicht.
Damit verändert sich auch die Schulsprechstunde. Aus einer gefürchteten Prüfung der eigenen Elternrolle kann ein Gespräch werden, in dem zwei Seiten gemeinsam überlegen, wie ein Kind gut begleitet werden kann.
Und falls die Leherperson tatsächlich etwas Kritisches sagt? Dann dürfen Sie zuhören, nachfragen, nachdenken und gegebenenfalls widersprechen. Ganz ohne innerlichen Schulverweis.

Schnappschuss aus einer Beratungssituation in unserem Institut
Foto: TELOS
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Der Umgang mit Ängsten und Unsicherheit lässt sich lernen. Manchmal helfen bereits kleine Übungen und neue Erfahrungen. Bei stärker belastenden oder anhaltenden Ängsten kann professionelle psychologische beziehungsweise psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein.
TELOS begleitet Menschen seit über 30 Jahren bei der Entwicklung von Selbstsicherheit und persönlichen Kompetenzen. In Beratungen, Coachings und Seminaren arbeiten wir mit aktuellen psychologischen Methoden, individuell abgestimmten Übungen und überprüfbaren Lernzielen. Teilnehmende können beispielsweise lernen, Kritik gelassener aufzunehmen, schwierige Gespräche besser vorzubereiten, Grenzen klarer zu setzen und sich weniger von fremden Bewertungen abhängig zu machen. Und das Schönste daran: Irgendwann ist die Schulsprechstunde vielleicht wieder genau das, was sie sein sollte – ein Gespräch über Ihr Kind. Nicht über Ihren Wert als Mensch.
Sie haben eine ganze Palette von Möglichkeiten, Ihre Ängste los zu werden: von den einfachsten Tipps und Übungen, die Sie immer wieder auf unserer Website finden, bis hin zu therapeutischer Hilfe, die Sie sich in Gruppen- oder Einzelbetreuung holen können – in psychotherapeutischen Praxen, bei den öffentlichen Diensten und gerne auch bei uns im Institut. Hier zwei besonders bewährte Instrumente aus unserem „Medizinschrank“:


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Mag. Magdalena Gasser
Institutsleitung | Personalentwicklung | Coaching