
Der kleine Dachs spaziert pfeifend durch den Wald. Wie jeden Tag führt ihn sein Weg über die Lichtung mit den drei großen Steinen. Dort liegt um diese Zeit die Schlange und wärmt sich in der Mittagssonne. „Einen schönen Tag, liebe Schlange“, ruft der Dachs. „Lass mich in Ruhe“, zischt die Schlange. Der Dachs bleibt kurz stehen. Heute wohl mit der falschen Schuppe aufgestanden, denkt er und geht weiter.
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Kleiner Dachs im Morgenlicht.
Bild: TELOS
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Am nächsten Tag kehrt er zur Mittagszeit zurück. Schon von Weitem stockt ihm der Schritt. Die Schlange liegt noch immer auf den Steinen, doch sie wirkt verändert. Ihre Farbe ist fahl, die Augen trüb. „Hallo, Schlange“, sagt der Dachs vorsichtig. „Du siehst nicht gut aus. Bist du krank?“ Ohne ihn anzusehen, zieht sich die Schlange wortlos zwischen die Steine zurück. Der Dachs bleibt allein zurück, ratlos. Warum will sie nichts mehr mit ihm zu tun haben? Am dritten Tag ist die Lichtung leer. Die drei Steine liegen verlassen in der Sonne. Die Schlange ist verschwunden. Der kleine Dachs sucht überall: unter dem Laub, zwischen den Ästen, hinter dem Blaubeerstrauch. Nichts. Da entdeckt er am Rand der Lichtung ein silbriges Glitzern. Er nähert sich langsam. Dort liegt etwas Langes, Leeres. Eine durchsichtige, schimmernde Hülle. Dem Dachs schießen Tränen in die Augen.
In diesem Moment raschelt es hinter ihm. Ein leises Zischen. Zwischen den Blättern hebt sich ein Schlangenkopf. „Ich dachte … ich dachte, du wärst tot“, flüstert der Dachs. „Ich habe mich gehäutet“, antwortet die Schlange. „Gehäutet? Warum tut man so etwas? Du warst doch schön, so wie du warst.“ „Nur so kann ich wachsen“, sagt die Schlange ruhig. „Wenn die alte Haut zu eng wird, muss ich sie ablegen.“ „Das klingt schrecklich“, meint der Dachs. „Tut das weh?“ „Ja. Es tut weh. Es kostet Kraft. Zeitweise sehe ich kaum etwas. Und ich muss mich aufblähen, größer werden, um mich aus der alten Haut zu lösen.“ Der Dachs schluckt. „Muss ich mich auch einmal häuten?“
Die Schlange sieht ihn freundlich an. „Dein Fell darfst du behalten. Aber häuten wirst auch du dich müssen.“ Der Dachs schaut sie fragend an. „Du wirst deinen Bau verlassen und dein Kinderfell ablegen. Du wirst lieben und dein Jugendfell verlieren. Du wirst selbst Eltern sein – und eines Tages auch dieses Fell zurücklassen müssen. Jedes Mal wirst du etwas abstreifen, das dir vertraut war. Etwas, das schön war. Etwas, das nie wiederkommt.“ Der Dachs spürt einen Knoten in der Brust. „Das tut weh“, fährt die Schlange fort. „Und es macht Angst. Aber ohne dieses Loslassen bleibt man stecken. Wachstum verlangt Abschied. So ist der Lauf der Dinge.“
Der kleine Dachs sieht die Schlange lange an. Erst jetzt bemerkt er, wie klar ihre Augen sind. Wie lebendig ihr neues Schuppenkleid glänzt.
Und er versteht.
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Die erste Begegnung zwischen Dachs und Schlange beschreibt eine typische menschliche Reaktion auf Irritation: Unerwartetes Verhalten wird verharmlost oder erklärt, ohne es wirklich ernst zu nehmen. Für Privatpersonen zeigt sich hier die Tendenz, frühe Anzeichen von Veränderung bei sich selbst oder anderen zu übersehen, um das eigene innere Gleichgewicht nicht zu stören. In Organisationen geschieht Ähnliches, wenn Unzufriedenheit, Erschöpfung oder leiser Widerstand als „schlechter Tag“ abgetan werden. Frühwarnsignale werden ignoriert, weil sie das bestehende System in Frage stellen würden.
Der Rückzug der Schlange am zweiten Tag steht psychologisch für innere Umbauprozesse. Menschen benötigen in Phasen persönlicher Entwicklung Abstand, Stille und Schutz. Für Privatpersonen bedeutet das, dass Rückzug nicht automatisch Beziehungsabbruch ist, sondern oft ein Zeichen von Selbstregulation. In Unternehmen wird Rückzug hingegen häufig negativ interpretiert: Mitarbeitende gelten als unmotiviert oder schwierig. Dabei sind genau solche Phasen oft Vorboten von Neuorientierung, Rollenklärung oder innerem Wachstum – sofern sie Raum dafür bekommen.
Die leere Haut löst beim Dachs Trauer aus. Psychologisch symbolisiert sie die Angst, dass Veränderung endgültigen Verlust bedeutet. Privat erleben Menschen diesen Moment bei Abschieden von Lebensphasen, Beziehungen oder Selbstbildern. In Organisationen zeigt sich diese Angst bei Umstrukturierungen, Führungswechseln oder dem Ende bewährter Routinen. Der emotionale Widerstand richtet sich weniger gegen das Neue, sondern gegen das, was scheinbar für immer verschwindet.
Die Erklärung der Schlange macht deutlich, dass Entwicklung schmerzhaft, anstrengend und zeitweise desorientierend ist. Für Privatpersonen ist dies eine wichtige Entlastung: Wachstum fühlt sich selten gut an, solange es geschieht. Auch Organisationen durchlaufen Phasen eingeschränkter Leistungsfähigkeit, Unsicherheit und erhöhter Reibung, wenn sie sich verändern. Der Versuch, Wandel „schmerzfrei“ zu gestalten, führt oft dazu, dass er oberflächlich bleibt oder scheitert.
Wenn die Schlange den Häutungsprozess auf das Leben des Dachses überträgt, wird Entwicklung als zyklisch beschrieben. Für Privatpersonen bedeutet das, dass Identitätswechsel – vom Kind zum Erwachsenen, vom Elternteil zum Loslassenden – unvermeidlich sind. In Organisationen zeigt sich diese Dynamik in Wachstumsphasen, Generationswechseln oder kulturellen Neuausrichtungen. Wer an alten Rollen festhält, verhindert Reifung – bei Menschen ebenso wie bei Systemen.
Am Ende erkennt der Dachs die neue Schönheit der Schlange. Psychologisch steht dies für Integration: Erst nach dem Wandel wird sichtbar, was gewonnen wurde. Für Privatpersonen bedeutet Reife, Veränderungen nicht nur zu überstehen, sondern ihnen Bedeutung zu geben. Für Unternehmen und Organisationen entsteht Stabilität nicht durch Stillstand, sondern durch die Fähigkeit, Abschied, Übergang und Neuanfang bewusst zu gestalten. Entwicklung wird dann nicht mehr als Bedrohung erlebt, sondern als natürlicher Teil des Lebens.


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Mag. Magdalena Gasser
Institutsleitung, Personalentwicklung, Coaching