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Der kleine Fuchs

Eine Weihnachtsgeschichte über Mut und Erkenntnis

Die Warnung am Baum

Der kleine Fuchs lebte mit seinem Rudel tief im Wald. Er kannte jede Wurzel, jeden Pfad, jedes Geräusch der Nacht. Und doch gab es einen Ort, über den niemand sprach. Eines Tages bedeutete ihm der Fuchsälteste zu folgen. Sie liefen lange, bis die Bäume auseinandertraten und ein einzelner Baum vor ihnen stand – gewaltig, alt, höher als alles, was der Fuchs je gesehen hatte. Sein Stamm war so breit, dass ihn kein Blick umfasste. „Bis hierher“, sagte der Alte. „Und keinen Schritt weiter. Niemals.“


Links oder rechts? Oder besser nicht mehr weitergehen, sondern umkehren?
Bild: TELOS

Wissensdurst statt Gehorsam

Es war kein Verbot, das man erklären musste. Es war eines, das nicht erklärt wurde. Was hinter dem Riesenbaum lag, blieb unausgesprochen. Fragen wurden überhört. Blicke wichen aus. In der folgenden Nacht konnte der kleine Fuchs nicht schlafen. Der Wald rauschte wie immer, doch etwas darin klang neu – wie ein Ruf, den nur er hörte. Noch vor dem Morgengrauen schlich er los.

Der Baum und das Ungewisse

Der Riesenbaum war still. Hinter ihm sah der Wald aus wie überall sonst. Keine Grenze, kein Zeichen. Nur ein Schritt. Dann noch einer. Und plötzlich war er dort, wo er niemals sein sollte. Er lief, bis der Boden sich teilte. Zwei Wege. Kein Hinweis. Der kleine Fuchs schloss die Augen, drehte sich, ließ den Zufall entscheiden – und folgte dem linken Pfad. Der Wald endete abrupt. Vor ihm öffnete sich ein Abgrund. Wind riss an seinem Fell. Ein Schritt zu viel, und alles wäre vorbei gewesen. Sein Herz schlug bis in die Pfoten.

Die Wiese

Er kehrte um. Diesmal ohne Zögern. Der rechte Weg führte weiter, länger, tiefer. Als sich der Wald lichtete, lag vor ihm eine Wiese, überzogen von Blumen, wie er sie noch nie gesehen hatte. Farben, Düfte, Leben. Er sprang, rannte, lachte – vergaß die Zeit. Dann traf ihn ein Stoß. Warm. Schwer. Eine große Schnauze beugte sich zu ihm herab. „Ich suche mein Junges“, sagte das Wildschwein. „Seit Stunden.“ Der kleine Fuchs hätte fliehen können. Stattdessen nickte er. Sie suchten gemeinsam. Und fanden das Junge, verängstigt, aber unversehrt, hinter einem Felsen. Dankbarkeit ist still, dachte der Fuchs, als er weiterlief.

Der Berg und die Aussicht

Die Wiese ging in einen steinigen Pfad über. Der Weg wurde schmal, der Atem kurz. Die Bäume schrumpften, verschwanden. Nur noch Fels, Wind und Himmel. Schritt für Schritt, Pfote um Pfote. Als er den Gipfel erreichte, blieb er stehen. Die Welt lag offen vor ihm. Er sah den Wald seines Rudels, die Wege, die er gegangen war. Die Wiese. Den Abgrund. Und ganz fern, am Rand des Horizonts, den Riesenbaum – klein nun, fast unbedeutend. Er verstand:

Die Erkenntnis

Nicht der Baum hatte ihn aufgehalten. Die Angst davor. Der kleine Fuchs richtete sich auf, so groß er konnte, und ließ seinen Ruf los, der weit ins Tal fiel. Dann machte er sich auf. Der Heimweg wartete. Und eine Geschichte, die erzählt werden musste. Nicht als Warnung. Sondern als Einladung: Nicht der Weg verändert uns. Sondern der Mut, ihn zu gehen!

 

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Kleine psychologische Analyse

Der Riesenbaum

Der Riesenbaum steht symbolisch für unreflektierte Regeln und Grenzen, die über lange Zeit hinweg nicht mehr hinterfragt wurden. Er verkörpert Sätze wie „Das haben wir immer so gemacht“ oder „Dafür gibt es gute Gründe“, ohne dass diese Gründe noch benannt oder geprüft werden können. Psychologisch gesehen repräsentiert der Baum verinnerlichte Autorität: Grenzen, die nicht aus Angst vor Strafe bestehen bleiben, sondern aus Loyalität gegenüber Personen, Systemen oder Traditionen. Der Fuchs gehorcht nicht, weil er muss, sondern weil er gelernt hat, dass Hinterfragen unerwünscht ist.
Viele Menschen tragen solche „Riesenbäume“ in sich – alte Glaubenssätze, familiäre Regeln oder innere Verbote, die nie bewusst gewählt wurden. Persönliche Entwicklung beginnt dort, wo man sich erlaubt zu prüfen, ob diese Grenzen heute noch sinnvoll sind.
In Organisationen zeigen sich Riesenbäume als überholte Führungsbilder, Tabuthemen oder unausgesprochene Denkverbote. Führungskräfte sind gefordert, nicht nur Regeln weiterzugeben, sondern deren Sinn regelmäßig zu reflektieren und Räume für Fragen zu öffnen.

Die Weggabelung

Die Weggabelung symbolisiert eine Entscheidung ohne Sicherheit. Es gibt keine klaren Hinweise, keinen richtigen oder falschen Weg – nur die Notwendigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Psychologisch markiert dieser Moment das Ende der Führung durch Vorgaben. Hier beginnt Selbstführung. Der Fuchs erhält keine Informationen, keine Empfehlung, keine Absicherung. Er bekommt lediglich Wahlfreiheit – und genau darin liegt die Herausforderung.
Im Leben gibt es viele Situationen, in denen keine äußere Orientierung mehr hilft. Entscheidungen müssen dann aus dem eigenen Inneren heraus getroffen werden, ohne Garantie auf Erfolg. Das erfordert Mut und Selbstvertrauen.
Echte Führung zeigt sich darin, Menschen nicht jede Antwort vorzugeben, sondern ihnen Entscheidungsräume zuzutrauen. Führungskräfte, die Wahlfreiheit ermöglichen, fördern Eigenverantwortung und Reife – auch wenn dies Unsicherheit mit sich bringt.

Der Abgrund

Der Abgrund steht für reale Risiken, für die Grenzen der eigenen Kompetenz und für den unvermeidlichen Lernschmerz. Psychologisch macht diese Station deutlich: Nicht jede mutige Entscheidung ist automatisch klug. Entwicklung entsteht nicht durch blinden Mut, sondern durch die Fähigkeit zur Korrektur. Der Fuchs lernt hier, dass Fehler kein Zeichen von Versagen sind, sondern ein notwendiger Teil von Wachstum.
Fehler gehören zum Leben. Entscheidend ist nicht, sie zu vermeiden, sondern aus ihnen zu lernen. Reife zeigt sich darin, Verantwortung für Fehlentscheidungen zu übernehmen und den eigenen Kurs anzupassen.
In gesunden Organisationen werden Fehler als Feedback verstanden, nicht als persönliches Scheitern. Führungskräfte prägen die Fehlerkultur maßgeblich – durch ihren Umgang mit eigenen und fremden Irrtümern.

Die Blumenwiese

Die Blumenwiese kann Flow, Sinn und Verbundenheit symbolisieren. Hier erlebt der Fuchs intrinsische Motivation: Er hilft anderen nicht aus Pflicht, Rolle oder Auftrag heraus, sondern aus innerer Überzeugung. Psychologisch zeigt sich hier ein Zustand, in dem Handeln leichtfällt, weil es als sinnvoll erlebt wird. Leistung entsteht ohne äußeren Druck.
Menschen erleben Erfüllung dort, wo sie etwas tun, das ihren Werten entspricht. Sinn entsteht nicht durch Anerkennung von außen, sondern durch das Gefühl, mit dem eigenen Tun verbunden zu sein.
Moderne Führung basiert weniger auf Kontrolle und Anweisung, sondern auf Sinn, Beziehung und Autonomie. Führungskräfte schaffen Rahmenbedingungen, in denen Menschen ihre Stärken freiwillig einbringen können.

Der Gipfel

Der Gipfel steht für die Meta-Perspektive, für Selbstwirksamkeit und innere Autorität. Der Blick von oben relativiert frühere Ängste und Grenzen. Psychologisch wird deutlich: Nicht der Riesenbaum war tatsächlich so groß – sondern die eigene Unsicherheit. Mit Abstand erkennt der Fuchs Zusammenhänge, Muster und die eigene Entwicklung.
Reflexion schafft Klarheit. Wer sich regelmäßig aus dem Alltag herausnimmt und das eigene Leben aus der Distanz betrachtet, gewinnt Orientierung und innere Sicherheit.
Führung bedeutet, sich selbst führen zu können, bevor man andere führt. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion ist eine der zentralen Kompetenzen wirksamer Führungskräfte.

Die Rückkehr

Die Rückkehr symbolisiert Integration, Verantwortung und Vorbildwirkung. Der Fuchs kehrt verändert zurück, ohne zu missionieren oder zu belehren. Psychologisch steht dies für verkörperte Veränderung: Entwicklung zeigt sich im Handeln, nicht in Worten. Der Fuchs wird zum Vorbild, ohne es zu erklären.
Nach persönlichem Wachstum geht es darum, das Erlernte in den Alltag zu integrieren. Veränderung wirkt am stärksten, wenn sie authentisch gelebt wird.
Nachhaltige Führung entsteht nicht durch Appelle oder Konzepte, sondern durch gelebtes Verhalten. Führungskräfte wirken am meisten durch das, was sie vorleben – nicht durch das, was sie fordern.

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Mag. Magdalena Gasser
Institutsleitung, Personalentwicklung, Coaching