
Die Eule saß auf ihrem Ast. Sie war der weiseste Vogel im Wald. Die Tiere kamen und suchten bei ihr Rat.
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Sprechstunde im Wald …
Symbolbild: TELOS
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Als erster kam der Fuchs und fragte: „Eule, sag mir: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr schlau bin?“ Die Eule antwortete: „Du bist nichts und doch viel mehr. Finde es heraus.“ Der Fuchs sah die Eule verunsichert an. „Wie soll ich das anstellen?“ Die Eule antwortete: „Sei für einen Tag nicht schlau.“ Das war für den Fuchs schwer vorstellbar. Er ging verstört davon.
Als Nächste kam die Biene angeflogen. Sie fragte: „Eule, sag mir: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr fleißig bin?“ Die Eule antwortete: „Du bist nichts und doch viel mehr. Finde es heraus.“ Die Biene sah die Eule verunsichert an. „Wie soll ich das anstellen?“ Die Eule antwortete: „Sei für einen Tag nicht fleißig.“ Das war für die Biene schwer vorstellbar. Sie flog verstört davon.
Als Nächster kam der Bär angetrottet. Er fragte: „Eule, sag mir: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr stark bin?“ Die Eule antwortete: „Du bist nichts und doch viel mehr. Finde es heraus.“ Der Bär sah die Eule verunsichert an. „Wie soll ich das anstellen?“ Die Eule antwortete: „Sei für einen Tag nicht stark.“ Das war für den Bären schwer vorstellbar. Er ging verstört davon.
Am nächsten Tag traf die Eule den Fuchs. Er pfiff ein Lied und war fröhlich. Die Eule fragte: „Wie ist es dir ergangen, als du nicht schlau warst?“ Der Fuchs antwortete: „Stell dir vor: Ich habe zum ersten Mal jemanden nach dem Weg gefragt. Die Antwort war eine neue Abkürzung.“
Dann traf die Eule die Biene. Sie summte zufrieden über die Wiese. Die Eule fragte: „Wie ist es dir ergangen, als du nicht fleißig warst?“ Die Biene antwortete: „Stell dir vor: Ich bin zum ersten Mal auf einer Blume gesessen und habe nichts getan. Da habe ich bemerkt, wie schön die Blume ist!“
Dann traf die Eule den Bären. Er war in Begleitung von Hase, Hirsch und Dachs. Die Eule fragte: „Wie ist es dir ergangen, als du nicht stark warst?“ Der Bär antwortete: „Stell dir vor: Ich habe zum ersten Mal keine Bäume ausgerissen und keine Steine gewälzt. Da hatten die Waldbewohner plötzlich keine Angst mehr vor mir. Jetzt habe ich endlich Freunde.“
Die Eule flog zufrieden auf ihren Ast zurück. Während sie auf den nächsten Ratsuchenden wartete, kamen ihr plötzlich Zweifel: „Und wer bin ich, wenn ich nicht mehr weise bin?“ Ein flaues Gefühl stieg in ihr auf. Da hängte sie ein Schild an ihren Ast: „Heute geschlossen“ und flog davon, um es herauszufinden.
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Was das wohl für uns Menschen bedeuten könnte?
Symbolbild: TELOS
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Die Geschichte thematisiert auf einfache, symbolische Weise eine zentrale psychologische Frage: Wer sind wir jenseits unserer Rollen, Stärken und Zuschreibungen?
Fuchs, Biene und Bär definieren ihre Identität ausschließlich über eine dominante Eigenschaft – Schlauheit, Fleiß, Stärke. Psychologisch gesprochen handelt es sich um eine Identitätsverengung: Das Selbst wird auf eine Funktion oder Leistung reduziert.
Die Intervention der Eule wirkt wie eine paradoxe therapeutische Intervention. Indem sie die Tiere auffordert, für einen Tag auf ihre Kernkompetenz zu verzichten, unterbricht sie automatische Muster. Genau dort entstehen neue Erfahrungen: Der Fuchs erlebt Verbundenheit statt Autonomie, die Biene Achtsamkeit statt Funktionalität, der Bär Beziehung statt Macht. Das verweist auf ein zentrales Prinzip der Persönlichkeitsentwicklung: Wachstum entsteht oft dort, wo wir Kontrolle, Perfektion oder Selbstbilder kurz loslassen.
Besonders bedeutsam ist das Ende: Auch die Eule – die vermeintlich Weise – gerät in eine Identitätskrise. Damit zeigt die Geschichte, dass niemand außerhalb dieser Dynamik steht. Weisheit bedeutet nicht, Antworten zu haben, sondern bereit zu sein, die eigene Rolle immer wieder infrage zu stellen.
Für uns Menschen lässt sich daraus ableiten:
Wer sich ausschließlich über Leistung, Kompetenz oder Funktion definiert, verpasst wichtige Teile des eigenen Menschseins. Innere Freiheit entsteht, wenn wir mehr sind als das, was wir gut können.


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Mag. Magdalena Gasser
Institutsleitung, Personalentwicklung, Coaching