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Die Krähe, der Mensch und der Weihnachtsbaum

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Die Krähe

24. Dezember: still liegt die Landschaft unter der weißen Decke. Kaum hörbar rieselt Schnee auf Schnee. Eine Eberesche steht schemenhaft mitten im endlosen Weiß. Und hoch oben im laublosen Geäst sitzt reglos eine alte Krähe. Weiß und starr auch sie. Wie festgefroren blickt sie in die Stille.

Kaum hörbar dringt ein Geräusch in die tote Landschaft. Leise bricht irgendwo der Schnee. Dann wieder Stille. Und wieder ein dumpfes Knirschen. Umpf. Weit hinten. Jetzt kommt Leben in die Krähe. Ruckartig wendet sie den Kopf hin und her, fokussiert, erkennt und antwortet mit einem schneidenden Schrei. Doch sie flieht nicht. Was da langsam lauter wird, scheint keine Gefahr. Sie schüttelt ihren weißen Mantel von den schwarzen Federn, hebt ab und fliegt neugierig dem Geräusch entgegen.

Der Mensch

Da stapft eine Gestalt durch den Tiefschnee, ein weißer Fleck der sich langsam durch die weiße Landschaft müht. Die Füße, die da unten mit dem Schnee kämpfen, kommen nur schwer voran. Sie brechen ein, bleiben stecken und setzen dann langsam an zum nächsten Schritt. Der Mensch trägt eine schwere Last auf der Schulter. An den Zapfen erkennt die Krähe den Tannenbaum.

Wieder bleibt der Mensch stehen. Schaut umher, sucht, scheint sich nicht zurechtzufinden. Der fallende Schnee ist ein dichter Vorhang und verhindert die Sicht, der liegende Schnee hat jeden Weg und jede Spur verwischt. Der Mensch zieht ein Bein aus dem Schnee, will zum nächsten Schritt ansetzen und zögert. Dann ändert er die Richtung, versucht einen anderen Weg. Quert das Waldwiesenweiß bergauf.


Mühsam nach oben …
Foto: TELOS

Mühe: per aspra ad astra

Die Krähe folgt ihm interessiert. Da sie eine erfahrene Krähe ist, weiß sie, dass die Menschen um diese Zeit herum gerne solche Bäume in ihr Haus tragen, scheinbar feiern die da was, wohl so eine Art Baumfest, das sie, soweit sie weiß „Weihnachten“ nennen. Dieser Mensch allerdings hat sich wohl zu viel vorgenommen, er kommt kaum vorwärts vor lauter Last. Mühsam stapft er bergauf, wohl mit einem Ziel, doch ohne sicheren Weg, und ohne wirklich zu wissen, ob alles gut gehen würde.

Die Krähe sieht bereits den Waldrand, den der Mensch da unten erst erahnt. Jetzt erkennt er ihn, stapft darauf zu. Doch mit jedem Schritt sinkt er bis zu den Knien im Schnee ein. Er kann nicht mehr. Erschöpft lässt er sich auf einem Baumstupf nieder. Seine schwere Last rollt von der Schulter und fällt dumpf in den Schnee. Der Mensch sackt zusammen. Kopf und Schulter hängen kraftlos im Mantel.

Schnee, Wald und Schweigen

Schnee deckt ihn zu, langsam, langsam versinkt er unter dem Weiß. Es ist wieder still. Das letzte Licht des Tages schwindet. Einsam und dunkel stehen die Bäume. Der Schnee fällt, der Wald schweigt, die Landschaft ist erstarrt.

Und doch:

Noch einmal kommt Leben in den weißen Haufen da unten. Mit neuer Kraft schüttelt der Mensch den Schnee von Schultern und Armen. Die Krähe flüchtet schnell in den nächsten Wipfel. Sie sieht, wie der Mensch sich am Tannenbaum zu schaffen macht. Wild zerrt er an den Ästen, splittert Zweige und bricht den Stamm entzwei. Er knotet die Schuhbänder seiner Winterstiefel auf und schnürt sich damit die Äste unter die Sohlen. Er richtet sich auf, fasst die beiden ausgefransten Stammteile als Stöcke und geht los.

Das Haus

Nun ist da kein Krachen mehr von brechendem Schnee, keine Verschnaufpausen mehr zwischen den Schritten: leichten Fußes geht es jetzt auf der Schneedecke dahin, fast ein Schweben, fast ein Gleiten, so schnell kommt er voran. Die Krähe folgt dem seltsamen Wanderer, quert mit ihm den Winterwald bis an sein Ende. Dort steht ein Haus. Der Mensch geht darauf zu und verschwindet darin. Bald steigt warmer Rauch in die Nacht. Verheizt er vielleicht die Baumreste?

Die Krähe lässt sich tiefer sinken und setzt sich auf den Zaun vor dem Haus, hier hat sie einen guten Blick durch die Fenster. Verwundert sieht sie, wie der Mensch in der Stube mit den Teilen des Tannenbaums und vielen glitzernden Fäden eine Art Gerüst konstruiert. Es wird ja beinahe wieder ein Tannenbaum daraus: er ist zwar deutlich kleiner als vorher, dafür hat er jetzt statt nur einen Rumpf einen doppelten aus den beiden Teilen des Stammes. Auch die Zweige hängen zwar ziemlich herunter, dafür sind sie eindeutig dichter als vorher. Alles in allem sehr kreativ, ein spannender Tannenbaum. Dem Menschen gefällt er offensichtlich, denn jetzt fängt er zu singen an.

Seltsam, diese Menschen …

Die Krähe fliegt jetzt rasch weg. Dies liegt allerdings weniger am Gesang des Menschen, sondern daran, dass sie, wie schon ihre namensgebende Stimme verrät, eine ganz andere Vorstellung von Musikalität hat. Dafür sind ist unsere Krähe sehr intelligent. Und da sie gesehen hat, wie der Mensch schwer an seinem Baum schleppen musste und was er letztendlich daraus gemacht hatte, findet ihr kluges Köpfchen jetzt im Flug gleich zwei Lebensweisheiten:

Erstens kann man aus jeder Last eine Stütze machen und zweitens gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, wie ein Christbaum aussehen kann und wie man Weihnachten feiern kann.

Ob wir Menschen das auch erkennen?

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Kurze psychologische Analyse

Mit Anmerkungen für Unternehmen / Organisationen und Führungskräfte

Was uns die Geschcihte sagen will

Die Geschichte beschreibt einen klassischen Grenzmoment menschlicher Belastung: Zielorientierung, Durchhaltewille und Leistungsanspruch führen den Menschen an den Punkt völliger Erschöpfung. Erst der Zusammenbruch ermöglicht einen Perspektivwechsel. Psychologisch zeigt sich hier, dass Resilienz nicht aus mehr Kraft entsteht, sondern aus Umdeutung: Die Last wird nicht weitergetragen, sondern verwandelt. Der kreative Umgang mit dem Scheitern führt zu einer neuen, tragfähigen Lösung. Die Krähe fungiert als distanzierte Beobachterin – Sinnbild für Reflexion und Weisheit.
Zentrale Botschaft: Nicht jede Belastung muss überwunden werden – manche wollen umgestaltet werden.

Reflexionsfragen für Alltag und Job:

1. Last und Ziel
• Welche „Lasten“ trage ich aktuell selbst – und warum halte ich so lange daran fest?
• Wo verfolge ich Ziele weiter, obwohl der Weg dorthin offensichtlich zu viel Kraft kostet?
• Woran erkenne ich bei mir oder anderen den Punkt, an dem Durchhalten in Selbstausbeutung kippt?

2. Erschöpfung wahrnehmen
• Welche Warnsignale von Überlastung nehme ich in meinem Team wirklich ernst – und welche übergehe ich?
• Wie reagiere ich auf Erschöpfung: mit Druck, mit Verständnis oder mit struktureller Veränderung?
• Darf in meiner Organisation offen gesagt werden: „So geht es nicht weiter“?

3. Perspektivwechsel und Kreativität
• Wo könnte aus einer scheinbaren Schwäche oder einem Scheitern eine neue Lösung entstehen?
• Welche Annahmen über „richtig“ und „falsch“ schränken unsere Handlungsspielräume ein?
• Wann habe ich zuletzt bewusst ein Ziel neu definiert statt es nur effizienter zu verfolgen?

4. Führungsverständnis
• Sehe ich meine Aufgabe eher darin, Menschen zum Tragen zu motivieren – oder Lasten zu gestalten?
• Wo könnte ich Strukturen schaffen, die stützen statt erschöpfen?
• Wie gehe ich selbst mit Kontrollverlust um – als Bedrohung oder als Chance?

5. Kultur und Vielfalt
• Gibt es in meinem Unternehmen nur „einen richtigen Christbaum“ – oder mehrere gültige Formen von Erfolg?
• Wie viel Raum haben individuelle Lösungen, Arbeitsweisen und Rhythmen?
• Was sagt unsere gelebte Kultur über den Umgang mit Scheitern und Neubeginn?

Abschlussfrage (für Einzelreflexion oder Teams):
Welche Last könnten wir heute nicht weitertragen – sondern in eine tragfähige Stütze verwandeln?

Leitsätze für Organisationen & Führungskräfte

Erschöpfung ist ein Signal, kein Versagen:
Leistung bricht nicht wegen Schwäche ein, sondern wegen fehlender Alternativen.

Problemlösung beginnt mit Perspektivwechsel:
Kreativität entsteht oft erst, wenn das ursprüngliche Ziel losgelassen wird.

Führung heißt:
Lasten neu verteilen oder neu definieren. Gute Führung verwandelt Druck in Struktur und Halt.

Es gibt nicht „den einen richtigen Christbaum“:
Unterschiedliche Wege, Arbeitsstile und Lösungen verdienen Anerkennung.

Reflexion braucht Abstand:
Organisationen benötigen Beobachterrollen (Coaching, Supervision), um Muster zu erkennen.

Kernaussage für Unternehmen:
Nachhaltige Leistungsfähigkeit entsteht dort, wo Menschen lernen, aus Belastung Stütze zu machen – nicht dort, wo sie immer weitertragen müssen.

Rackern bis zum Zusammenbruch?

Die Geschichte macht deutlich, wie leicht Menschen – privat wie beruflich – in einen Modus des bloßen Durchhaltens geraten. Zielorientierung, Leistungsanspruch und Pflichtgefühl tragen oft lange, führen aber nicht selten an einen Punkt tiefer Erschöpfung. Entscheidend ist: Resilienz entsteht nicht dadurch, noch mehr Kraft aufzubringen, sondern durch einen Perspektivwechsel. Belastungen müssen nicht immer überwunden werden – viele lassen sich umgestalten.
Für Privatpersonen bedeutet das, Warnsignale ernst zu nehmen und sich bewusst Räume für Reflexion zu schaffen. Für Organisationen und Führungskräfte heißt es, Strukturen zu hinterfragen, Lasten neu zu verteilen und unterschiedliche Lösungswege zuzulassen. Gute Führung verwandelt Druck in Halt und Orientierung.
TELOS unterstützt diesen Prozess durch fundierte Trainings, Coaching und Reflexionsformate. Als externe Beobachter helfen wir, Muster sichtbar zu machen, neue Handlungsoptionen zu entwickeln und aus Belastung wieder tragfähige Stützen für nachhaltige Leistungsfähigkeit zu formen.

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Mag. Magdalena Gasser
Institutsleitung, Personalentwicklung, Coaching