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Gestern ist heute: Familiensysteme

Wer hat hier das Sagen?!

Lassen Sie die Vergangenheit mitreden – aber geben Sie ihr kein Stimmrecht!

Familiensysteme wirken in die Gegenwart, doch wer die Spielregeln kennt, kann das Spiel verändern!

Familiensysteme: Herkunftsfamilie und Gegenwart

Erwachsen, unabhängig, selbstbestimmt? Wunderbar! Warum benehmen wir uns dann beim Familienessen manchmal wieder wie mit zwölf? Warum geraten wir mit unseren Eltern in dieselben Diskussionen wie vor dreißig Jahren? Und warum übernimmt ausgerechnet derjenige, der sich geschworen hat, alles anders zu machen, plötzlich dieselben Verhaltensweisen? Willkommen in der wunderbaren Welt der Familiensysteme! Hier mischt die Vergangenheit kräftig mit. Aber wir haben ein Wörtchen mitzureden.

Familiensysteme: Natürlich sind wir erwachsen. Oder etwa nicht?

Wir verdienen unser eigenes Geld, führen unseren Haushalt, treffen Entscheidungen und bestimmen selbst, wie wir leben möchten. Schließlich sind wir erwachsene, vernünftige Menschen. So weit, so gut. Doch dann kommt Weihnachten. Die Familie sitzt am Tisch, Mutter macht eine kleine Bemerkung, Vater zieht die Augenbrauen hoch, und schon ist es vorbei mit der erwachsenen Gelassenheit. Plötzlich fühlen wir uns wieder wie damals, als wir mit zwölf Jahren für unsere schlechten Schulnoten Rede und Antwort stehen mussten. Wie kann das sein? Warum reagieren wir bei bestimmten Familienmitgliedern so viel empfindlicher als bei anderen Menschen? Weshalb lassen wir uns von den Eltern noch immer in Diskussionen verwickeln, die wir längst hinter uns lassen wollten? Und warum geraten Geschwister selbst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter manchmal in Rollen, die sie bereits im Kinderzimmer gespielt haben?
Die Antwort könnte in unserem Familiensystem liegen. Denn eine Familie besteht aus Menschen, die durch gemeinsame Erfahrungen, Beziehungen, Erwartungen und Gewohnheiten miteinander verbunden sind. Jeder beeinflusst das Verhalten der anderen, und manchmal reichen winzige Veränderungen, damit das gesamte Beziehungsgefüge in Bewegung gerät. Auch wenn wir längst ausgezogen sind, können diese Erfahrungen unser Verhalten weiterhin beeinflussen. Die gute Nachricht: Wir sind heute erwachsen und verfügen über wesentlich mehr Handlungsmöglichkeiten als damals.

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Schön und gut – aber müssen wir den Familien-Code vollinhaltlich übernehmen!
Repro aus unseren Seminarunterlagen.
Symbolbild: TELOS

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Die Familie als Mobile: Einer wackelt, alle bewegen sich – so wirken Familiensyteme

Stellen Sie sich ein Mobile vor, wie es manchmal über einem Kinderbett hängt. Mehrere Figuren sind durch Schnüre miteinander verbunden und halten sich gegenseitig in einer bestimmten Balance. Solange niemand daran rührt, bleibt alles an seinem Platz. Doch sobald eine Figur bewegt wird, geraten auch die anderen in Bewegung. Ganz ähnlich kann es in Familien funktionieren. Eine Person verändert ihr Verhalten, und schon reagieren die anderen darauf. Die Tochter, die bisher immer nachgegeben hat, beginnt plötzlich, eigene Entscheidungen zu treffen. Der Sohn, der sich jahrelang um sämtliche Familienprobleme gekümmert hat, möchte endlich mehr Zeit für sich haben. Und die Mutter, die bisher immer alles organisiert hat, beschließt, Verantwortung abzugeben.
Hoppla! Was ist denn jetzt los? Die anderen Familienmitglieder müssen sich auf die neue Situation einstellen. Das kann Freude auslösen, aber auch Verunsicherung oder Widerstand. Schließlich hatten sich alle an die bisherige Ordnung gewöhnt. Solche Wechselwirkungen stehen im Mittelpunkt systemischer Betrachtungsweisen. Dabei wird das Verhalten eines Menschen im Zusammenhang mit seinen Beziehungen und Lebensbedingungen untersucht. Der interessante Gedanke dahinter: Manchmal verändert sich ein festgefahrenes Beziehungsmuster bereits dadurch, dass eine einzige beteiligte Person anders reagiert. Natürlich funktioniert das nicht immer. Und niemand kann die Reaktionen anderer Menschen kontrollieren. Aber wir können unseren eigenen Beitrag zum gemeinsamen Geschehen beeinflussen.

Familiensysteme und der Familienauftrag: Wer hat mir eigentlich diesen Job gegeben?

In manchen Familien gibt es erstaunlich klare Rollenverteilungen. Die ältere Tochter ist die Vernünftige. Der jüngere Bruder gilt als Sorgenkind. Ein Geschwisterkind sorgt für gute Stimmung, ein anderes schlichtet ständig Streit. Und irgendjemand übernimmt zuverlässig die Verantwortung, sobald etwas schiefgeht. Das Problem: Diese Rollen wurden häufig nie ausdrücklich vereinbart. Sie haben sich über Jahre entwickelt und erscheinen irgendwann völlig selbstverständlich.
Nehmen wir beispielsweise Monika, 48 Jahre, verheiratet, zwei Kinder (Alle Daten durch TELOS geändert!). Schon als Jugendliche kümmerte sie sich um ihre jüngeren Geschwister und half ihrer Mutter, wenn es zu Hause Schwierigkeiten gab. Heute organisiert sie noch immer alles: Familienfeiern, Arzttermine der Eltern, Besorgungen und die Lösung kleiner und größerer Krisen. Ihre Geschwister? Die halten sich weitgehend heraus. Schließlich kann Monika das alles so wunderbar! Monika ärgert sich über die fehlende Unterstützung. Gleichzeitig fällt es ihr schwer, Aufgaben abzugeben.
Wenn jemand etwas anders erledigt als sie, wird sie nervös und übernimmt lieber wieder selbst. So bleibt das bekannte Muster bestehen. In der systemischen Arbeit könnte Monika untersuchen, welche Erwartungen sie übernommen hat, welche Aufgaben heute tatsächlich zu ihr gehören und wie sie Verantwortung künftig anders verteilen möchte. Vielleicht entdeckt sie dabei etwas Erstaunliches: Sie darf ihre Geschwister durchaus selbstständiger werden lassen. Auch wenn diese zunächst wenig begeistert sind.

Familiensysteme haben unsichtbaren Regeln

Jede Familie hat ihre eigenen Spielregeln. Manche stehen offen im Raum, andere bleiben unausgesprochen. „Bei uns hält man zusammen!“ „Über Geld spricht man nicht!“ „Was sollen denn die Leute denken?“ Oder der besonders beliebte Klassiker: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst …“ Einige dieser Regeln sind ausgesprochen hilfreich. Sie schaffen Orientierung, vermitteln Werte und fördern Zusammenhalt. Andere können die persönliche Entwicklung einschränken. Vielleicht galt in Ihrer Herkunftsfamilie die Regel, dass man niemals widerspricht. Oder dass persönliche Wünsche hinter den Bedürfnissen der Gemeinschaft zurückstehen müssen. Vielleicht wurden Gefühle kaum gezeigt, Konflikte grundsätzlich vermieden oder beruflicher Erfolg besonders hoch bewertet. Kinder übernehmen solche Vorstellungen häufig, weil sie dazugehören möchten und sich an den wichtigen Menschen ihrer Umgebung orientieren. Später können diese Regeln zu persönlichen Überzeugungen werden, die wir kaum noch hinterfragen. Doch wer sagt eigentlich, dass eine Familienregel aus dem Jahr 1975 heute noch gültig sein muss? Manche Tradition verdient einen Ehrenplatz. Andere darf man ruhig in Pension schicken statt sich ungefragt in alte Familiensysteme auszuliefern.

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Welche geheimen Botschaften der Familiensysteme lauren noch auf uns?
Repro aus unseren Seminarunterlagen.
Bild: TELOS

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Familiensysteme verstehen: Was systemische Arbeit leisten kann

Systemische Arbeit betrachtet Probleme im Zusammenhang mit Beziehungen, Rollen, Erwartungen und wiederkehrenden Verhaltensmustern. Dabei geht es weniger um die Suche nach einem einzelnen Schuldigen als um die Frage, wie bestimmte Wechselwirkungen entstehen und durch Familiensysteme aufrechterhalten werden. Ein Beispiel: Die Mutter macht sich ständig Sorgen um ihren erwachsenen Sohn. Deshalb fragt sie häufig nach, kontrolliert und gibt ungefragt Ratschläge. Der Sohn fühlt sich bevormundet und zieht sich zurück. Daraufhin wird die Mutter noch besorgter und fragt erst recht nach. Beide meinen es aus ihrer jeweiligen Perspektive verständlich. Trotzdem verstärken sie gegenseitig genau das Verhalten, das sie am anderen stört.
Ein wunderbarer Teufelskreis! Und leider ausgesprochen belastbar. In einer systemischen Beratung könnte man untersuchen, wie beide zu dieser Dynamik beitragen. Vielleicht lernt die Mutter, ihrem Sohn mehr zuzutrauen. Vielleicht beginnt der Sohn, seine Wünsche klarer auszudrücken, statt sich kommentarlos zurückzuziehen. So entstehen neue Möglichkeiten, ohne die gesamte Familiengeschichte auf den Kopf stellen zu müssen. Systemische Beratung nutzt dazu beispielsweise gezielte Fragen, Perspektivenwechsel, Genogramme zur Darstellung familiärer Beziehungen und andere Methoden, um bisher wenig beachtete Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Familienaufstellungen: Ein Blick auf das unsichtbare Gefüge

Eine bekannte Methode im Umfeld systemischer Arbeit sind Familienaufstellungen. Dabei wird eine persönliche Fragestellung räumlich dargestellt. Beispielsweise können Personen als Stellvertreter für Familienmitglieder ausgewählt und im Raum positioniert werden. Auch Figuren, Gegenstände oder Bodenmarkierungen kommen zum Einsatz. Die räumliche Darstellung kann helfen, die eigene Wahrnehmung familiärer Beziehungen bewusster zu betrachten. Wer steht wem nahe? Wer scheint ausgeschlossen? Wo werden Spannungen vermutet? Und welche Veränderungen könnte man ausprobieren? Manchmal eröffnet diese ungewöhnliche Perspektive neue Gedanken und Gefühle. Besonders interessant wird es, wenn die Beteiligten ihre bisherigen Vorstellungen überprüfen und alternative Sichtweisen entwickeln.
Allerdings sollten wir bei aller Begeisterung wissenschaftlich auf dem Boden bleiben. Eine Familienaufstellung liefert keine wissenschaftliche Informationen über verborgene Familiengeheimnisse. Was Stellvertreter während einer Aufstellung empfinden, beweist nicht zwangsläufig, was andere Menschen tatsächlich denken oder früher erlebt haben. Auch wenn einzelne Untersuchungen positive Ergebnisse berichten, gibt es für die Familienaufstellungen im Moment weniger wissenschaftliche Untersuchungen als für andere Therapieformen. Bei belastenden Erfahrungen sind deshalb eine qualifizierte Leitung, sorgfältige Vorbereitung und ein respektvoller Umgang mit persönlichen Grenzen besonders wichtig. Und vor allem: Niemand sollte aus einer Aufstellung heraus zu folgenschweren Entscheidungen gedrängt werden.

Familiensysteme hin oder her: die Hebamme hat Sie NICHT zu heiß gebadet!

Jetzt kommt eine besonders verlockende Versuchung: Alles auf die Kindheit schieben! Die Eltern waren zu streng, die Geschwister gemein, die Lehrer ungerecht, der Kindergarten eine Zumutung. Und vermutlich hat die Hebamme Sie damals auch noch zu heiß gebadet! Na wunderbar. Damit wäre endlich geklärt, wer an unseren heutigen Schwierigkeiten schuld ist. So einfach funktioniert das Leben allerdings nicht. Natürlich beeinflussen Erziehung, persönliche Anlagen und frühe Erfahrungen unsere Entwicklung. Doch wir Menschen sind keine Münzen, die einmal geprägt werden und anschließend unverändert bleiben müssen. Unser Verhalten entwickelt sich im Zusammenspiel von biologischen Voraussetzungen, sozialen Erfahrungen, aktuellen Lebensbedingungen und persönlichen Entscheidungen.
Manche früheren Erfahrungen können lange nachwirken. Trotzdem entstehen im Erwachsenenalter neue Möglichkeiten, Beziehungen anders zu gestalten und vertraute Verhaltensweisen zu verändern. Dabei sollten wir zwei Dinge auseinanderhalten: Die Verantwortung für frühere Verletzungen liegt bei den Menschen, die sie verursacht haben. Die Verantwortung für unsere heutigen Entscheidungen können wir im Rahmen unserer Möglichkeiten zunehmend selbst übernehmen. Das ist manchmal unbequem. Aber auch ausgesprochen befreiend. Denn damit eröffnen sich neue Handlungsmöglichkeiten. Und die müssen wir nicht erst bei der Hebamme beantragen.

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Zaubermittel Familienaufstellungen bringen Erstaunliches!
Familie gibt Kraft, Halt und Stütze – doch nicht immer ist alles willkommen!
Schnappschussa aus einer systemischen Arbeit in unserem Seminarsaa.
Foto: TELOS

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Praxistipps: Alte Familiensysteme erkennen und neue Freiheiten gewinnen

Sie müssen keineswegs die gesamte Verwandtschaft zu einer Familienkonferenz einbestellen, um Ihre Familiensysteme besser zu verstehen. Schon die bewusste Beobachtung gewohnter Rollen und Erwartungen kann wertvolle Erkenntnisse liefern. Die folgenden fünf Praxistipps helfen Ihnen, die eigene Position in Ihrer Herkunftsfamilie zu betrachten, bisherige Regeln zu überprüfen und neue Verhaltensmöglichkeiten zu entwickeln. Und keine Sorge: Sie dürfen Ihre Familie weiterhin lieben, auch wenn Sie künftig manches anders machen.

1) Die Familiensysteme und deren Rollen aufspüren.
Überlegen Sie, welche Aufgaben und Eigenschaften Ihnen in Ihrer Herkunftsfamilie zugeschrieben wurden. Waren Sie die Vernünftige, der Rebell, die Hilfsbereite oder das Sorgenkind? Prüfen Sie anschließend, welche dieser Rollen Sie heute noch übernehmen. Vielleicht passt manches längst nicht mehr zu Ihrem erwachsenen Leben. Unsere Praxistipps:
• „Welche Rolle hatte ich als Kind in unserer Familie?“
• „Wofür war ich damals besonders häufig zuständig?“
• „Welche Erwartungen werden heute noch an mich gestellt?“
• „Welche dieser Aufgaben möchte ich weiterhin übernehmen?“
• „Welche alte Rolle darf ich künftig verändern?“

2) Die Familiensysteme und ihre Regeln überprüfen.
Viele Überzeugungen werden über Generationen weitergegeben, ohne jemals ausdrücklich besprochen zu werden. Schreiben Sie typische Aussagen aus Ihrer Kindheit auf und überlegen Sie, welche davon heute noch hilfreich sind. Entscheiden Sie bewusst, welche Werte Sie bewahren und welche Regeln Sie durch zeitgemäßere Vorstellungen ersetzen möchten. Unsere Praxistipps:
• „Welche Regeln galten bei uns für Streit und Versöhnung?“
• „Wie wurde in unserer Familie über Erfolg und Misserfolg gesprochen?“
• „Welche Vorstellungen über Männer und Frauen habe ich übernommen?“
• „Welche Familienregel unterstützt mich heute?“
• „Welche Überzeugung möchte ich bewusst verändern?“

3) Das Familien-Mobile betrachten.
Achten Sie darauf, wie sich Familienmitglieder gegenseitig beeinflussen. Wer reagiert auf wen? Was passiert, wenn jemand widerspricht, Verantwortung abgibt oder eine eigene Entscheidung trifft? Versuchen Sie, wiederkehrende Abläufe möglichst sachlich zu beschreiben. So erkennen Sie vielleicht, an welcher Stelle eine kleine Veränderung hilfreich sein könnte. Unsere Praxistipps:
• „Wer beginnt bei uns typischerweise einen Streit?“
• „Wie reagieren die anderen Familienmitglieder darauf?“
• „Wer versucht anschließend, den Konflikt zu schlichten?“
• „Was würde passieren, wenn ich diesmal anders reagiere?“
• „Welche Veränderung könnte das Miteinander erleichtern?“

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Professionell gemachte Familienaufstellungen können ein Scheinwerfer sein ins Dunkel der Vergangenheit.
Schnappschuss aus einer Familienaufstellung
Foto: TELOS

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4) Die eigene Verantwortung neu ordnen.
Vielleicht haben Sie jahrelang Aufgaben übernommen, die inzwischen andere Familienmitglieder selbst erledigen könnten. Prüfen Sie, welche Verantwortung tatsächlich bei Ihnen liegt und wo eine neue Verteilung sinnvoll wäre. Sprechen Sie Veränderungen freundlich und klar an. So geben Sie anderen die Gelegenheit, eigene Fähigkeiten zu entwickeln. Unsere Praxistipps:
• „Welche Aufgaben übernehme ich aus Gewohnheit?“
• „Wer könnte diese Verantwortung ebenfalls tragen?“
• „Welche Unterstützung möchte ich künftig anbieten?“
• „Wo darf ein anderer Mensch seine eigene Lösung finden?“
• „Wie kann ich Veränderungen respektvoll besprechen?“

5) Neue Handlungsspielräume ausprobieren.
Erkenntnisse werden besonders wertvoll, wenn daraus neue Erfahrungen entstehen. Wählen Sie eine konkrete Familiensituation, in der Sie künftig anders handeln möchten. Beginnen Sie mit einer kleinen Veränderung und beobachten Sie, wie sich das Zusammenspiel entwickelt. Rechnen Sie damit, dass andere möglicherweise zunächst überrascht reagieren. Unsere Praxistipps:
• Bei der nächsten Familienbesprechung eine eigene Meinung äußern.
• Eine bisher selbstverständliche Aufgabe neu verteilen.
• Einen persönlichen Wunsch freundlich und deutlich formulieren.
• Eine Entscheidung treffen, ohne sofort die Zustimmung aller einzuholen.
• Nach einer gelungenen Veränderung bewusst festhalten, was diesmal anders war.

Ein Familiensystem braucht keine Schuldigen

Wenn wir beginnen, unsere Familiengeschichte genauer zu betrachten, entdecken wir manchmal unangenehme Dinge. Vielleicht wurde ein Geschwisterkind bevorzugt. Vielleicht blieben bestimmte Bedürfnisse unbeachtet. Vielleicht mussten wir als Kinder Verantwortung übernehmen, die eigentlich Erwachsene hätten tragen sollen. Solche Erkenntnisse können schmerzen. Und manchmal entsteht der Wunsch, endlich jemanden zur Rechenschaft zu ziehen. Verständlich. Schließlich möchten wir wissen, weshalb bestimmte Schwierigkeiten entstanden sind. Doch systemische Arbeit kann helfen, über die reine Schuldfrage hinauszublicken. Sie untersucht, welche Bedingungen eine problematische Situation begünstigt haben und wie sich das heutige Zusammenspiel verändern lässt. Das bedeutet selbstverständlich keineswegs, Gewalt, Missbrauch oder andere Grenzverletzungen zu entschuldigen. Die Verantwortung für solche Handlungen bleibt bei denjenigen, die sie begangen haben. Bei gewöhnlichen familiären Konflikten kann es dagegen hilfreich sein, unterschiedliche Sichtweisen zu betrachten. Vielleicht hatte die Mutter selbst wenig Unterstützung. Vielleicht stand der Vater unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Vielleicht hat ein Geschwisterkind die gemeinsame Kindheit völlig anders erlebt. Solches Verständnis muss keine Versöhnung erzwingen. Es kann aber helfen, die Familiengeschichte differenzierter zu betrachten und heute freier zu entscheiden.

Und wenn die Familie gar nicht mitmachen will?

„Mit meiner Familie kann man über so etwas unmöglich sprechen!“ Vielleicht kennen Sie diesen Einwand. Manche Eltern reagieren empfindlich auf Fragen nach früheren Erlebnissen. Geschwister haben unterschiedliche Erinnerungen. Und bei Familienkonflikten ist die Bereitschaft, eigene Verhaltensweisen zu überprüfen, bekanntlich nicht immer gleichmäßig verteilt. Macht nichts. Sie können trotzdem beginnen. Systemische Beratung kann auch mit einzelnen Personen arbeiten. Man muss keineswegs sämtliche Familienmitglieder in einen Raum bringen, um die eigenen Rollen, Erwartungen und Reaktionen zu untersuchen. Sie können beispielsweise lernen, schwierige Gespräche anders zu führen, Ihre Entscheidungen klarer zu vertreten oder mit bestimmten familiären Erwartungen gelassener umzugehen. Ob die anderen daraufhin ihr Verhalten verändern, bleibt offen. Aber Sie gewinnen möglicherweise mehr Freiheit im Umgang mit der Situation. Und vielleicht verändert sich dadurch sogar das gemeinsame Zusammenspiel. Eine Garantie dafür gibt es natürlich nicht. Schließlich besitzt niemand eine Fernbedienung für seine Verwandtschaft. Zum Glück eigentlich.

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Was habe ich erlebt, was erkannt und wie nutze ich das?
Teilnehmer nach einer unserer Interventionen.
Foto: TELOS

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Wer’s genau wissen will: wissenschaftliche Fakten zum Thema Familiensysteme

Wie stark werden familiäre Verhaltensweisen über Generationen weitergegeben? Und wie wirksam sind systemische Therapie und Familienaufstellungen? Weltweit untersuchen Forscher diese Fragen mit Langzeitstudien, wissenschaftlichen Metaanalysen und kontrollierten Behandlungsstudien. Dabei zeigt sich ein differenziertes Bild: Familiäre Erfahrungen können nachwirken, doch ihre Weitergabe ist keineswegs zwangsläufig. Auch die wissenschaftliche Absicherung der verschiedenen systemischen Verfahren unterscheidet sich erheblich.

  • Familienmuster werden tatsächlich weitergegeben – aber viel seltener als gedacht. Eine große Metaanalyse untersuchte 51 wissenschaftliche Veröffentlichungen mit Daten aus mehreren Generationen. Dabei fanden die Forscher einen statistisch nachweisbaren, im Durchschnitt jedoch schwachen Zusammenhang zwischen dem Erziehungsverhalten einer Generation und jenem der nächsten. Die durchschnittliche Korrelation betrug lediglich 0,12. Das bedeutet: Familiäre Muster können weitergegeben werden, bestimmen das Verhalten der nächsten Generation aber keineswegs. Viele Menschen entwickeln andere Formen des Umgangs mit ihren Kindern, als sie selbst erlebt haben.
  • Systemische Therapie kann nachweislich helfen. Eine umfassende wissenschaftliche Forschungsübersicht aus dem Jahr 2025 wertete Metaanalysen, systematische Übersichten und kontrollierte Untersuchungen aus. Die Ergebnisse unterstützen die Wirksamkeit systemischer Interventionen bei unterschiedlichen psychischen Beschwerden und Beziehungsproblemen. Dazu gehören unter anderem Partnerschaftskonflikte, Angst- und Stimmungsstörungen sowie bestimmte Belastungen durch chronische Erkrankungen. Die Wirksamkeit hängt vom jeweiligen Verfahren und Anwendungsbereich ab. Systemische Therapie kann eine sinnvolle Behandlungsoption sein, gegebenenfalls als Bestandteil eines umfassenderen Behandlungskonzepts.
  • Familienaufstellungen: Interessante Ergebnisse, begrenzte Beweislage. Eine systematische Forschungsübersicht untersuchte zwölf Studien mit insgesamt 568 Teilnehmenden zur Wirksamkeit von Familienaufstellungen. Neun Studien berichteten statistisch bedeutsame Verbesserungen bei unterschiedlichen psychologischen Merkmalen. Allerdings war die Anzahl und methodische Qualität der Untersuchungen insgesamt gering. Einzelne Studien berichteten zudem über unerwünschte psychische Auswirkungen bei einem kleinen Teil der Beteiligten. Die Ergebnisse liefern erste Hinweise auf mögliche positive Wirkungen, reichen aber noch nicht für verlässliche allgemeine Wirksamkeitsversprechen.
Also:

Familiensysteme nicht leugnen und Vergangenheit nicht totschweigen, sondern anschauen, um zu verstehen – dann aber loslassen, den Blick nach vorne richten und Ärmel hoch krempeln. Unser Institutsgründer Dr. Elmar Teutsch, Psychologe und Psychotherpeut, doch eindeutig KEIN Dichter, hat sich trotzdem im Versmaß versucht. Um all jenen Mut zu machen, die bereit sind, die eigene Vergangenheit anzuschauen und sich dann von ihr zu lösen:

Ich bin, wer ich war – doch ich muss es nicht bleiben!

Was dich als Kind zutiefst verletzt,
hat sich in dir oft festgesetzt.
Was längst vergangen, wirkt noch heute,
bestimmt, was dich bedrückt‘ und freute.

Du folgst so manchem alten Pfad,
obwohl er dir geschadet hat.
Du handelst oft, fast wie von selbst,
auch wenn du dich dagegen stellst.

Doch was dich prägt, ist kein Gesetz,
kein Schicksal und kein starres Netz.
Was einst als Schutz für dich gedacht,
hat heute oft zu viel an Macht.

Mit kund’ger Hilfe, Stück für Stück,
führt dich der Weg zum Schmerz zurück.
Du spürst, obwohl so gut verdrängt,
was dich bis heute noch beengt.

Ich gebe alten Wunden Raum,
befreie mich  manchem Traum.
Der Schmerz verliert dann seine Macht,
ein neuer Anfang ist entfacht.

Die Kindheit bleibt ein Teil von mir,
doch meine Zukunft form ich hier.
Was gestern war, hat mich geprägt –
doch nicht bestimmt, wohin’s mich trägt!

 

Familiensysteme Familienaufstellung
Systemische Arbeit hilft Verhaltensweisen, die oft unerklärlich scheinen, zu verstehen und zu lösen.
Schnappschuss aus einem unserer Seminare.
Foto: TELOS

 

Die Vergangenheit hat genug mitgeredet – jetzt sind Sie dran!

Unsere Herkunftsfamilie hat uns geprägt. Wir haben dort Beziehungen erlebt, Rollen übernommen und gelernt, wie Menschen miteinander umgehen. Manche dieser Erfahrungen stärken uns bis heute, andere können das Zusammenleben erschweren. Die systemische Betrachtung hilft, solche Zusammenhänge besser zu erkennen. Vielleicht entdecken wir, warum wir uns in bestimmten Familiensituationen plötzlich wieder klein fühlen, warum wir immer dieselbe Verantwortung übernehmen oder weshalb vertraute Konflikte so erstaunlich hartnäckig bleiben. Doch Erkenntnis ist erst der Anfang. Entscheidend ist, was wir heute daraus machen. Wir können alte Regeln überprüfen, Aufgaben neu verteilen, eigene Wünsche ausdrücken und andere Reaktionen ausprobieren. Dabei müssen wir weder unsere Familie verurteilen noch sämtliche vergangenen Ereignisse klären. Die Vergangenheit lässt sich nicht verändern. Aber unser heutiger Umgang mit ihren Auswirkungen kann sich durchaus weiterentwickeln. Und falls jemand behauptet, Sie seien eben schon immer so gewesen? Dann dürfen Sie freundlich antworten: „Mag sein. Aber wer sagt, dass das so bleiben muss?“

Mit TELOS neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln

Einen souveräneren Umgang mit familiären Erwartungen und Konflikten kann man lernen. TELOS – das Institut für Psychologie & Wirtschaft – verbindet seit über 30 Jahren psychologisches Fachwissen mit praxisorientierten Methoden. In Beratungen, Trainings und Coachings unterstützen wir Menschen dabei, persönliche Rollen zu überprüfen, Grenzen klarer zu vertreten, Konflikte konstruktiver zu führen und Entscheidungen selbstständiger zu treffen. Individuell abgestimmte Übungen und die genaue Überprüfung persönlicher Lernfortschritte unterstützen die Umsetzung im Alltag. Hier einige besonders bewährte Hilfen aus unserem „Medizinschrank“:

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Mag. Magdalena Gasser
Institutsleitung | Personalentwicklung | Coaching

Quellenhinweise: Wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema

Geeraerts, Sanne B., Spitzer, Jenna, Schulz, Susanne, Capaldi, Deborah M., Kerr, David C. R. & Branje, Susan (2025). Intergenerational Stability in Parenting Across Two Generations: A Multilevel Meta-Analytic Review. Psychological Bulletin, 151(9), 1170–1195. Zentrale Aussage: Die Metaanalyse von 51 wissenschaftlichen Veröffentlichungen zeigte einen durchschnittlich schwachen Zusammenhang zwischen dem Erziehungsverhalten aufeinanderfolgender Generationen (r = 0,12). Familiäre Erziehungsmuster können weitergegeben werden, legen das Verhalten der nächsten Generation jedoch nicht bindend fest.

Carr, Alan (2025). Couple Therapy and Systemic Interventions for Adult-Focused Problems: The Evidence Base. Journal of Family Therapy, 47(1), e12481. Zentrale Aussage: Die umfassende wissenschaftliche Forschungsübersicht bestätigt die Wirksamkeit verschiedener systemischer Interventionen bei Beziehungsproblemen und unterschiedlichen psychischen Beschwerden. Ihre Eignung hängt vom jeweiligen Problem, Verfahren und Behandlungskontext ab.

Konkolÿ Thege, Barna, Petroll, Carla, Rivas, Carlos & Scholtens, Salome (2021). The Effectiveness of Family Constellation Therapy in Improving Mental Health: A Systematic Review. Family Process, 60(2), 409–423. Zentrale Aussage: Die Forschungsübersicht mit zwölf Studien fand Hinweise auf positive psychologische Wirkungen von Familienaufstellungen. Aufgrund der begrenzten Anzahl der Studien sind weiterführende Untersuchungen notwendig. Bei einem kleinen Teil der Teilnehmenden wurden auch mögliche unerwünschte Auswirkungen berichtet.