
Es ist ein kalter Winter geworden und viel Schnee liegt rund um den alten Meierhof…
Kein Zweifel, er war es: Das Gesicht, das ihn morgendlich mürrisch und katerig verquollen aus dem Spiegel heraus anstarrte, gehörte ihm. Na und? War ja schließlich die große Betriebsweihnachtsfeier gewesen gestern Abend. War halt ein bisschen viel los gewesen gestern Abend. Genau genommen nicht nur gestern Abend. Sondern schon den ganzen Tag. Da darf man sich abends wohl ein bisschen gehen lassen, zumindest bei der Weihnachtsfeier. Wo doch der gestrige Bürotag so hektisch war. Noch genauer genommen nicht nur der gestrige Bürotag. Sondern schon die ganze Bürowoche. Oder, ganz genau genommen schon das ganze Monat, nein, der ganze Herbst, ach was, das ganze Jahr war verrückt gewesen. Die ganze Zeit bei Optiline war eine einzige verrückte Jagd gewesen. Wie lange war er nun schon dort? 3 Jahre? Moment, heuer zu Weihnachten sind es 5 Jahre! Gleich nach der Scheidung, war er hierher in diese Großstadt gezogen und eingestiegen. Warentermingeschäfte. Waren hatte er nie gesehen, Termine dafür um so mehr und die Geschäfte waren glänzend gegangen. 5 Jahre in diesem Job bringen Geld wie 10. Und machen dich fertig wie 20.
„Was soll’s, hat sich auch gelohnt, hat ganz ordentlich was gebracht, nicht?“ Er begann seine Kleider einzusammeln und sich an zu ziehen. Dabei zwinkerte er sich aufmunternd zu, doch der Mann im Spiegel blinzelte bloß ein wenig und kniff die Augen dann noch weiter zusammen vor dem grellen Morgenlicht. „Na, Jochen, alter Junge, bist wohl noch nicht auf Betriebstemperatur?“ munterte er sein Spiegelbild auf, “musst‘ erst den Müll wegräumen in deinem Hirn? Ich wünsche dir, dass du tatsächlich einmal so alt wirst, wir du jetzt aussiehst. Guck mich nicht so an, ich betreibe gerade Selbstmotivation!“ Die Selbstmotivation kam nicht recht an. Sie hatte sich wohl irgendwo verfangen, unter den großzügig herumliegenden Kleidungsstücken vielleicht, oder im üppig quellenden Aschenbecher oder spätestens zwischen den Knitterfalten in seinem Gesicht. Das Spiegelbild blieb ernst.
Er band die Krawatte fest. Nun gut, die beiden Arbeitstage bis zu den Weihnachtsferien würde er wohl auch noch überstehen und dann ab ans rote Meer. Mit der roten Erna. Hi, Hi, wie witzig. Sehr rothaarig, sehr schön und sehr anstellig. Buchhaltung, 2. Stock. Hatte alles organisiert, die Tickets besorgt, sogar seinen Urlaub hatte sie ihm eingetragen. Nur bezahlt hatte er, für beide. Sollte man ja eigentlich nicht, sich auf ein Techtelmechtel einlassen, innerhalb des Betriebes, bringt nur Komplikationen. Tatsächlich war er gestern bei der Weihnachtsfeier ganz schön in Verlegenheit geraten, als er mit der Aushilfe vom Empfang – ein entzückendes Mädchen – gerade vom Archiv, wo sie sich einer doch eher privaten Tätigkeit gewidmet hatten, so gut das auf den unbequemen und ja wohl auch nicht dafür gedachten Tischen eben möglich war… als er also aus dem Archiv zurück in den Festsaal schleichen wollte und ausgerechnet Erna in die Arme lief. Die arme. Da seine Kleider von der vorangegangenen Aktivität noch einigermaßen derangiert waren und die Wangen seiner Begleiterin entsprechend gerötet, hatte Erna sofort verstanden und war für den Rest des Abends ins Damenklo verschwunden. Na, ja, bis zum Urlaub würde sie es wohl überwunden haben. Und außerdem hatte sich der Neue von der Kundenberatung um sie gekümmert und durch die versperrte Tür hindurch mit ihr geflüstert. Meier heißt er. „Blöder Maier, kümmer’ dich um deine eigenen – äh, Sachen!“
Inzwischen hatte er auch die zweite Socke gefunden und war, den Umständen entsprechend, bereit fürs Büro. Noch einen Blick in den Spiegel. Resultat: unbefriedigend, aber im Moment nicht zu ändern. Herrgott, schon wieder so spät! Nun rasch raus. Er ging zur Tür und wollte seine Wohnung gerade verlassen, als sein Blick auf die Garderobenablage fiel und auf den Brief, der dort lag.
…Der alte Bauer steht ächzend auf und zieht sich die dicke Joppe an, weil er sich auf den Weg machen wird, in den tief verschneiten Wald hinein, um doch noch eine schöne Tanne auszu-suchen, für den Christbaum…
Kein Zweifel, er war es: Der Brief, den er gestern aus dem Briefkasten genommen hat, als er kurz in seine Wohnung gekommen war, um sich für die Weihnachtsfeier aufzumöbeln. Als er am Absender gesehen hatte, dass es der Arztbericht über seine letztes Gesundheits-Ceck-Up war, hatte er beschlossen, sich nicht den Abend damit verderben zu lassen und ihn ungeöffnet auf die Ablage geworfen. Und da lag er immer noch und sandte leise aber unüberhörbare Botschaften aus: lass mich nicht hier liegen, ich könnte wichtig sein, öffne mich, lies mich! War es Verwegenheit, war es Resignation, jedenfalls nahm den Umschlag, drehte und wendete ihn ein bisschen und riss ihn schließlich auf. Heraus kamen ein winziger Werbeprospekt „Urlaub auf dem Meierhof“ und ein handgeschriebener Brief. Im Stehen begann er zu lesen:
Lieber Jochen! Seit dem Studium sind wir befreundet und immer offen gewesen zueinander. So will ich es auch jetzt sein und dir im Klartext sagen, was mit dir los ist. Du arbeitest, rauchst, trinkst und isst zu viel. Emotional bist du dafür unterernährt. Spätestens seit deiner Scheidung lebst du auf Reserve. Ich weiß nicht, ob du das mit deinem Beruf gelernt hast: Du kaufst Dinge, die es noch gar nicht gibt, für Leute, die sie gar nicht wollen mit Geld, das sie noch gar nicht haben. Das mag bei deinen Warentermingeschäften gut gehen, bei deinem Körper geht das nicht. Du bist jetzt 40. Hundert mal schon habe ich dich als Freund gewarnt, dass es so nicht weiter geht. Jetzt warne ich dich als Arzt: Mach in deinem Leben eine kleine Pause, oder dein Leben macht ein große Pause mit dir. Deine Laborwerte können dir nämlich nicht sagen, ob du deinen Herzinfarkt mit 45 kriegst oder mit 41, ob du es noch bis Ostern schaffst oder nur mehr bis Weihnachten. Den Untersuchungsbericht lege ich dir bei, du kannst die Werte jederzeit überprüfen lassen, das wird nichts ändern. Und einen Pausenvorschlag lege ich dir auch bei. Ein befreundeter Psychotherapeut hat mir erzählt, dass er damit gute Erfolge hat. Die Aufenthaltsdauer geht je nach Schwere der Fälle von 2 Wochen bis zu mehreren Monaten. Schau dir den Prospekt an und warte nicht zu lange. Gute Freunde sind rar. Ich möchte dich nicht verlieren. Dein Bernd.
Schluck. Was soll das heißen, Herzinfarkt. Seit Jahren ließ er sich von Bernd nun regelmäßig untersuchen. Ein bisschen gemeckert hatte er immer, aber noch nie war etwas ernstes gewesen. Ach, der alte Quacksalber will nur wichtig tun. Angewidert warf er den Prospekt in den Schirmständer. Er würde in bei Gelegenheit einmal anrufen – nach den Weihnachtsferien und nach den Genüssen des roten Meeres und der roten Erna. A Apropos Erna: heute würde er ihr wohl besser aus dem Weg gehen, bis sich die Wogen geglättet haben. Moment, gar nicht nötig, die hat ja schon heute Urlaub, wie die meisten anderen der Belegschaft. Nur der Jochen muss malochen. Also ab in die Bude, alter Junge, das Geld wartet darauf, von dir gemehrt zu werden.
Zum zweiten Mal an diesem Morgen ging er zur Tür. Er riss sie schwungvoll auf und wollte sie gerade noch schwungvoller zuwerfen, als in der Diele ein leises, aber unverkennbares Piepsen ertönte.
…Der Christbaumständer ist schon vorbereitet, die Stube ist schon festlich geschmückt und der Duft von Weihnachtsgebäck weht durch den Raum, obwohl sie auf dem Maierhof gar nicht groß feiern wollten dieses Jahr, seit sie die Postkarte bekommen haben: weil doch der Alfred, ihr einziger Bub, jetzt in der Stadt arbeitet und zum ersten Mal nicht heimkommt zu Weihnachten. In seiner knorrigen Rechten hält der alte Bauer die Absagekarte. Aber in der – natürlich ebenfalls knorrigen – Linken einen Zettel mit dem Aufdruck „Forst Bier“…
Kein Zweifel, er war es: der unverkennbare Piepston seines Privat-Handys. Da seine Kunden rund um die Uhr Betreuung erwarteten und ihn im Büro genau so anriefen wie beim Essen oder auch mitten in der Nacht, hatte er nach langem inneren Ringen vor einigen Monaten beschlossen, sein Privatleben zu schützen und sich ein zweites Handy gekauft. Das eine ließ er nun immer im Büro, da konnte es klingeln so oft es wollte. Und das andere hielt er vor seinen Kunden streng geheim. Niemandem gab er die Nummer, außer einem ausgewählten Kreis meist weiblicher Personen zwecks privater Kontakte.
Und genau dieses Handy läutete nun. Wahrend er rasch wieder zurücklief überlegte er freudig erregt, wer es wohl sein könnte, die ihm schon am frühen Morgen ein Rendezvous vorschlagen wollte. Aha, die Nummer kannte er, sein Büro! Sicher die Kleine von gestern Abend, die Aushilfe vom Empfang. Er hatte ihr nachher die Nummer gegeben, zusammen mit dem Angebot, das Ganze in Ruhe bei sich zu Hause zu wiederholen. Und jetzt meldet sie sich schon. Super! Voller Vorfreude nahm er ab und legte seinen unwiderstehlichen männlichen Charme in die Stimme: „Hallo, hier ist Jochen, sprich dich aus!“
„Auch hallo, ich bin Erna. Und ausgesprochen habe ich mich rasch. Nach dem, was du dir gestern Abend geleistet hast, fahre ich ans rote Meer…“
Na also, denkt er.
“…aber schon heute Mittag, und nicht mit dir. Mit Fred. Und tschüss!“
Klick. Hallo, was soll das heißen? Wer ist Fred? Doch nicht etwa der Kloknabe von gestern?! Sie hat die Tickets umgebucht! Deshalb war sie heute im Büro! Meine Tickets, die ich bezahlt habe! Jochen musste sich setzen. In Ermangelung eines Stuhles auf den Schirmständer. Der kippte um. Jochen auch. Samt Spiegel. Da saß er nun auf seinen Scherben und auf seinem Hintern. Unter seinem linken Schuh schaute der Arztbrief heraus, unter seiner rechten Pobacke spürte er die Reste seines Privat-Handys und direkt vor ihm, zwischen seinen Beinen zusammen mit seinem schwarzen Schirm, lag unübersehbar herausfordernd der blöde Bauernhof-Prospekt.
Oh nein, murmelte er und sprang auf, niemals! Familien-mit-Kindern-Idyllen, Pensionisten-Erholung, Heugabel-Öko-Fundis – oh nein, ich will die große Reise, das Top-Class-Hotel, Action, Animation, das volle Programm! Das wäre doch gelacht, ich ruf’ einfach die Kleine von gestern an, aber nein, die hat ja schon Urlaub, keine Ahnung, wo die wohnt.
Er ging zum dritten Mal zur Tür. Oder die Schwarze aus dem Sportstudio – nein, die haben diese Woche ja geschlossen, verdammte Feiertage! Er öffnete die Tür. Jetzt hab ich’s, die Blonde vom letzten Wirtschaftskurs ruf ich an – wenn ich nur wüsste, wie die gleich hieß. Ein letzter Blick in die Diele, auf Handyreste und Prospekt, dann warf er zornig wie entschlossen die Tür zu. Niemals!
…Und so spricht der alte Bauer zu seinem Weibe: „Die Tür soll auch für Fremde immer offen sein – so steht’s im Evangelium. Eigens im Gasthaus unten hat er angerufen, der Geschäftsmann aus der Stadt, und ausrichten lassen, dass er unbedingt Weihnachten bei uns am Hof verbringen will. Dann soll er uns eben willkommen sein, dieser gewisse Herr…“ er schaut auf den Zettel, „… Herr Jochen. Vielleicht kann so ein studierter Städter uns sogar erklären, wie wir die Postkarte von unserem Alfred zu verstehen haben.“
Er dreht die Karte in seinen Händen und liest noch einmal: „Lieber als weiße Weihnachten ist mir das rote Meer! Alles gute, Euer Fred.“
Und kopfschüttelnd stapft der alte Meierbauer hinaus in die dunkle, kalte Weihnachtswinternacht.
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Mit Anmerkungen für Unternehmen / Organisationen und Führungskräfte
Die Geschichte kontrastiert zwei Welten: Tempo, Funktionieren und Selbsttäuschung in der Stadt versus Rhythmus, Beziehung und Begrenztheit in den Bergen. Psychologisch geht es um Verdrängung, innere Leere, Verlust von Selbstkontakt – und um die Frage, was geschieht, wenn Warnsignale ignoriert werden.
Funktionieren ersetzt kein Leben: Jochen lebt im Zustand chronischer Überforderung und Selbstentfremdung. Arbeit, Konsum, Affären und Selbstironie dienen als Abwehrmechanismen gegen Leere, Verlust (Scheidung) und Sinnfragen. Die permanente Beschleunigung verhindert Selbstwahrnehmung. Die Bergwelt steht demgegenüber für Langsamkeit, Erdung und natürliche Grenzen.
Für Organisationen und Unternehmen: Dauerstress wird oft als Leistungsbereitschaft missverstanden und Selbstmotivation ohne Selbstreflexion ist instabil. Organisationen brauchen daher nicht nur Incentives, sondern Rituale der Entschleunigung.
Der Arztbrief ist der klassische Realitätsbruch: Körper und Psyche senden unüberhörbare Warnsignale. Jochen reagiert mit Verharmlosung, Zynismus und Aufschub. Psychologisch handelt es sich um Verdrängung bei drohendem Kontrollverlust. Der Freund spricht Klartext – eine seltene, aber heilsame Form sozialer Intervention. Denn ignorierte Warnsignale verschwinden nicht – sie eskalieren.
Für Organisationen und Unternehmen: A) Frühwarnzeichen (Burnout, Zynismus, Rückzug) sind ernst nehmen. B) Feedback wirkt nur, wenn es klar und beziehungsorientiert ist. C) Führung braucht Mut zur unbequemen Wahrheit.
Das private Handy symbolisiert Jochens fragmentiertes Leben: Nähe als Konsum, Beziehungen als Austauschobjekte. Der plötzliche Verlust (Erna) bringt das fragile Selbstbild zum Einsturz. Hier zeigt sich die innere Leere hinter äußerer Kontrolle – ein Moment existenzieller Desorien-tierung. Wer Beziehungen instrumentalisiert, wird von ihnen verlassen.
Für Organisationen und Unternehmen: A) Menschen sind keine Ressourcen im technischen Sinn. B) Macht ohne Bindung erzeugt Einsamkeit. C) Beziehungskompetenz ist eine Kernfähigkeit für Führungskräfte.
Der Epilog öffnet einen Gegenentwurf: Offenheit, Gastfreundschaft, Einfachheit. Noch ist unklar, ob Jochen wirklich bereit ist zur Veränderung – doch erstmals entscheidet er nicht aus Flucht, sondern aus Notwendigkeit. Psychologisch beginnt hier ein möglicher Reifungsprozess. Entwicklung beginnt dort, wo Kontrolle endet.
Für Organisationen und Unternehmen: A) Krisen können Wendepunkte sein – wenn Räume dafür existieren. B) Nachhaltige Führung heißt: Menschen dürfen ankommen. C) Beschleunigung ersetzt keinen Sinn, Erfolg keine Beziehung und Kontrolle keine innere Sicherheit!


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Mag. Magdalena Gasser
Institutsleitung, Personalentwicklung, Coaching