
Eine Weihnachtsgeschichte, die – wenn nicht genauso, dann zumindest sehr ähnlich – tatsächlich geschehen ist und die allen, die guten Willens sind, zeigt, worauf es wirklich ankommt.
Josef war jedes Mal völlig hingerissen, wenn er Maria anschaute: „Du bist die wunderbarste Frau, die ich kenne. Genauso, wie deine Augen leuchten, so leuchtet auch deine Seele. Und deshalb…“ – doch fangen wir von vorne an:
Der erste Teil unserer (fast) wahren Weihnachtsgeschichte: Josef, der Stempelschneider tritt auf. Wir lernen ihn kennen, seinen Beruf und sein Hobby, seine stille Art und seine Einsamkeit.
Es war einmal ein Mann, der hieß Josef. Er hatte einen Beruf, der ihm wenig Freude machte. Er war Stempelschneider: er musste Tag für Tag Stempel anfertigen, die seine Kunden von ihm wollten; Stempel, immer wieder Stempel. Stempel mit den Worten „Eingangsrechnungen“, „Überweisungsbelegkopie“ oder „Interne Aktenvermerksnummer zur Wiedervorlage“. Auch „Eilt“ musste er auf viele stechen, oder gar „Eilt sehr“, mit Ausrufezeichen und doppelt unterstrichen! Dabei hatte es Josef selbst gar nicht eilig.
Josef war auch nicht so laut wie seine Stempel, er sprach nicht viel. Jedes Wort, das er in seine Stempelplatten stach, schien ihm wie verbraucht und fehlte ihm nachher in seinem Wortschatz. Er waren viele Stempel, die er schnitt, Jahr für Jahr, mit vielen Wörtern. So war er Stempel für Stempel immer schweigsamer geworden.
Doch zum Glück hatte Josef nicht nur einen Beruf, sondern auch ein Hobby: mit seinen geschickten Fingern, mit denen er tagsüber Stempel schnitt, schnitt er abends Figuren und Figürchen. Den ganzen Tag über freute er sich in seinem Stempelgeschäft schon auf den Abend, wo er sich in seinen Keller flüchten konnte und den Stempelstichel mit dem Schnitzmesser vertauschen konnte.
Untertags der Laden, abends der Keller. Da ist nicht viel Platz für das, was wir heute „soziale Kontakte“ nennen. Worte auf den Stempeln und Schweigen auf der Zunge. Josef hatte wenig Bekannte, kaum Freunde und schon gar keine Freundinnen.
Dabei war er oft genug von Frauen umgeben. Firmenstempel bestellen ist keine Führungsaufgabe, nein, da schickt der Chef die Sekretärin. Die Sekretärinnen – froh, dem Büroalltag wenigsten für eine kleine Weile entflohen zu sein – lassen sich Zeit, schauen sich im Laden um, versuchen, den Stempelmacher in ein Gespräch zu verwickeln, allerdings mit wenig Erfolg, sind doch seine Worte fast alle schon Stempel geworden. Erst am Abend, nachdem er das Schild „Geschlossen“ an die Ladentür gehängt hat und nach Hause gegangen ist, erst da sprach Josef mit seinen Kundinnen. Aus einem Stück Holz verleiht er ihnen mit seinem Schnitzmesser wieder Form und Leben und bevölkert seinen Keller mit den Scharen seiner stummen Gefährtinnen, alle noch stiller als er selbst.
Vor allem Krippenfiguren gelangen ihm besonders gut. Und da seine Vorlagen vorwiegend weiblicher Natur waren, schuf er Hirtinnen, Schäferinnen, Heilige Drei Königinnen, Engelinnen, ja auch Jesuinnen in großen Mengen. Und natürlich jede Menge Marias. Nur die allerschönsten seiner Kundinnen durften als gedankliche Vorlage für seine Marienfiguren dienen und er schnitzte sie mit besonderer Hingabe.
So entstanden im Laufe der Jahre so viele Krippenfiguren, dass er sie unmöglich alle in seinem Wohnzimmer hätte aufstellen können, und daher beschloss er, sie zu verkaufen. Wo ginge das besser als auf dem Weihnachtsmarkt seiner Stadt? Da traf es sich gut, dass einer seiner wenigen Bekannten ohnehin einen Stand dort hatte und froh war, unter all der Massenware aus den Souvenir-Fabriken nun tatsächlich Hand geschnitzte Einzelstücke anbieten zu können. Zumal ihm Josef versprochen hatte, an den Wochenenden ihm zur Hand zu gehen und mit am Stand zu stehen.
Wir lernen die Qualitäten des Stempelschneiders Josef kennen – und eine Frau, die rein zufällig Maria heißt … Und wir entdecken, was Beruf und Privatleben miteinander zu tun haben können.
Es war einmal eine Frau, die hieß Maria. Sie hatte einen Beruf, der ihr viel Freude machte. Sie war Verkäuferin in einem Kaufhaus für Geschenkartikel. Ihre Kunden waren meist guter Laune, da sie lieber Geschenke kauften als beim Bäcker anzustehen. Und wenn sie dann auch noch von Maria bedient wurden, stieg ihre Laune erst recht. Denn Maria war freundlich, hilfsbereit, erkannte die Wünsche ihrer Kunden schnell und konnte immer alle zufrieden stellen. Die Kunden mochten Maria.
Leider nur die Kunden. Was im Geschäft so gut ging, klappte im Privatleben nicht. Frauen wollten nichts von ihr und mit den Männern war das so eine Sache. Manche Kunden verwechselten ihre Freundlichkeit mit Versprechungen und wurden böse, wenn Maria dann nein sagte. Andere schafften es, zu Freunden zu werden, wollten sich aber auch privat weiterhin bedienen lassen und wurden ebenfalls böse, wenn Maria das nicht wollte.
Das Ergebnis war immer dasselbe: früher oder später standen ihre Männer zornig auf, drehten sich um und gingen. Maria war allein und traurig. Und gerade jetzt vor Weihnachten wurden ihr die langen einsamen Abende noch länger und noch einsamer.
Da traf es sich gut, dass ihr Kaufhaus dieses Jahr zum ersten Mal beim Weihnachtsmarkt mit einem eigenen Stand mitmachen würde. So war Maria bis spät abends noch am Stand, hatte Leute um sich und gar keine Zeit, an etwas anderes zu denken.
Der Stempelschneider Josef und die Verkäuferin Maria lernen sich endlich kennen – und sprechen sogar ein paar Worte miteinander … und wir entdecken, dass Zuhören können wichtig ist, doch nicht ausreicht.
Der erste Adventsonntag war gut vorüber. Jede Menge Weihnachtsmarktbesucher hatten Maria das ganze erste Wochenende lang in Atem gehalten. Erst jetzt, am Sonntagabend wurde es ruhiger und Maria fand Zeit, selbst einen Bummel durch die Stände zu machen. Da entdeckte ihr fachkundiges Auge unter all dem Tand und Trödel plötzlich wundervolle, offensichtlich von Hand geschnitzte Krippenfiguren. Neugierig trat sie näher.
„Woher kommen die?“ fragte sie mit gewissermaßen beruflichem Interesse den Mann am Stand.
„Was? Die? Äh…, ja die, die sind, äh, geschnitzt, aus Holz…“
„Ja, das sehe ich, aber wer hat sie gemacht? Kommen die auch aus China?“
„Nein, nein, aus China kommen die nicht, die kommen aus meinem Keller. Äh, ich habe sie gemacht…“
„Die sind sehr schön.“
„Nein, nein, die schönsten sind alle schon verkauft. Aber am nächsten Wochenende bringe ich neue, wenn Sie da noch da sind…“
„Freilich bin ich da, ich bin am Stand drüben um die Ecke. Ich heiße Maria,“ sagte Maria und gab dem Mann die Hand. Der nahm sie, drückte sie, sagte nichts, schaute sie nur an.
„Also gut, dann, bis nächste Woche sagte Maria und wandte sich zum Gehen. Der Mann sagte immer noch nichts, ließ aber ihre Hand los, nickte und winkte dann. Da hatte sich seine Besucherin allerdings bereits umgedreht. Während Maria später ihren Stand abschloss, dachte sie an die schönen Figuren und an den seltsamen Mann. Und da fiel ihr ein, dass er seinen Namen gar nicht gesagt hatte.
Maria und Josef merken, wie die schwierigen Gefühle doch immer wieder bremsen. Denn die Gedanken alleine reichen nicht, wenn Worte oder gar Taten dann doch wieder gebremst werden.
Der zweite Advent-Wochenende brachte viele Kunden. Und trotzdem fand Maria Zeit, ab und zu beim „Krippenmann“, wie sie ihn nannte, vorbeizuschauen. Recht gesprächig war er immer noch nicht. Doch hatten sie es sich so einrichten können, dass sie zusammen Mittagspause machten und dort, in der dampfenden Wärme der Gaststube kamen sie doch ein wenig ins Gespräch und Maria erzählte ein bisschen was von ihrem Leben. Man konnte wirklich gut mit dem Krippenmann sprechen, er war zwar wortkarg, doch dafür ein so aufmerksamer Zuhörer. Am Sonntagabend tranken sie noch zusammen einen Glühwein. Es war seltsam, obwohl sie sich kaum kannten, fühlte sich Maria so wohl in seiner Gesellschaft. Erst beim nach Hause gehen fiel Maria ein, dass sie immer noch nicht seinen Namen kannte.
Die Tage vergingen, die Woche verging, der Samstag war da und mit ihm wieder der schweigsame Krippenmann. Schon gleich am Morgen sauste Maria auf einen Sprung hinüber. Der Krippenmann hatte ein Geschenk für sie: eine Marienfigur, in der sie sich sofort wieder erkannte. Und auf dem Brieflein, das er ihr dazu überreichte fand sie endlich auch seinen Namen: „Für Maria von Josef“, stand da.
Sie waren mittags zusammen, kurz auch nachmittags und etwas länger am Abend. Am Sonntag hatten sie weniger Zeit, dafür konnten sie abends früher weg und gingen zusammen essen. Und siehe da, Josef entdeckte, dass er doch noch nicht alle seine Worte mit seinem Stempelschneiderberuf verbraucht hatte, er sprach zwar immer noch nicht viel, doch ab und zu gelang ihm ein Satz. Es war bei diesem Abendessen, als Maria zum ersten Mal der Gedanke kam, wie schön es doch wäre, Weihnachten mit Josef zu verbringen, statt allein. Und es war bei diesem Abendessen, als Josef sich ernsthaft vornahm, am nächsten Wochenende mit Maria Klartext zu reden. Ausgestempelt oder nicht, verbrauchte Worte oder unverbrauchte, er musste einfach die richtigen finden!
Ist es endlich soweit? Doch wir müssen feststellen, dass das mit den Gefühlen so eine Sache ist: oft genug spüren wir das Eine und sagen das Andere …
So kam der vierte und letzte Adventsonntag. Beide hatten, ohne es vom anderen zu wissen, beschlossen, heute Abend den Schritt zu wagen und seine Gefühle zu offenbaren. Nachdem also der letzte Bissen gegessen war, das letzte Glas getrunken und die letzten unverbindlichen Sätze losgelassen waren, fasste sich Maria ein Herz und machte sich bereit für das Wesentliche. Im gleichen Augenblick beugte sich Josef nach vorne, nahm ihre Hand und räusperte sich. Bevor er anfing, legte er sich in Gedanken noch einmal die Worte zurecht:
„Du bist die schönste Frau, die ich jemals kennen gelernt habe. Und mit schönste meine ich wirklich allerschönste. Und mit allerschönste meine ich nicht nur allerschönste außen, sondern auch allerschönste innen. Denn genau so, wie deine Augen leuchten, so leuchtet auch deine Seele. Und genau so faszinierend wie die Bewegungen deines Körpers finde ich die Regungen deines Geistes. Ich weiß genau: du bist die richtige Frau für mich, ich will mit dir zusammenbleiben.“
Ja genau, das dachte er. Und deshalb sagte er:
„Ich muss jetzt geh’n!“
Und da er sich rasch umdrehte, sah er nicht, wie ihr Gesicht versteinerte.
Maria und Josef nehmen den Weihnachtsabend zum Anlass, endlich… – oder doch nicht? Drücken Sie unseren Helden die Daumen, denn was zählt, heißt Liebe!
Es musste also Weihnachtsabend werden. Maria saß vor Ihrem Mini-Christbaum, ein Plastikbäumchen mit Sprühglimmer und der Aufschrift „Merry Christmas, Made in China“. Sie hatte ihn sich aus den unverkauften Restbeständen ihres Standes ausgeborgt. Statt Kerzen flackerten Leuchtdioden und statt Josef saß Trauer mit Maria im Zimmer.
Was tat Josef? Alleine auch er, der stille Scheue? Nein: er spricht gerade eindringlich mit einer hübschen jungen Dame. Und, wie es aussieht, nicht erfolglos. Ja, sie erhört ihn, sie kommt näher auf ihn zu und während er freudig erregt lächelt, – schreibt sie ihm etwas auf einen Zettel.
Menschlicher Erfindungsgeist ist unerschöpflich. Es war nicht einfach gewesen für Josef, mitten am Heiligen Abend, während alle Geschäfte geschlossen hatten, alle Familien zusammen saßen und alle Gedanken dem Weihnachtsfest galten, dieses unerschütterliche Fließen der Rituale anzuhalten und durch beharrliches Forschen, Suchen, Bohren, Bitten, Beschwören über unzählige Un- und Irrwege mit Telefonanrufen, Haustürklingeln und Feierstunden-Störungen endlich doch noch eine Arbeitskollegin von Maria ausfindig zu machen und damit zu guter Letzt auch die Adresse von Maria zu erfahren. Und doch war diese ganze Mühe nichts gewesen im Vergleich zur inneren Schwerarbeit, die es ihn gekostet hatte, sich selbst einzugestehen, dass jetzt handeln müsse, wenn er sein Leben nicht definitiv im Keller mit Stempeln und Krippenfiguren verbringen möchte.
Uns so kam es, dass es nun also doch an Marias Tür klingelte. Verwundert machte sie auf. Draußen stand, wir wissen es ja schon, Josef, den Zettel mit der Adresse in der Faust, ansonsten mit leeren Händen, und doch nicht ohne Geschenk; denn das, was er ihr brachte, war deutlich zu erkennen, auch ohne Glitzerpapier und ohne Schleife – einfach nur Liebe.
Ich weiß nicht, ob Josef nun die schönen Worte, die er sich beim letzten Mal nur gedacht hatte, auch tatsächlich sagte, oder ob er bloß schwieg. Aber ich kann sie beide dort sitzen sehen, Hand in Hand vor Marias Plastikbäumchen und ich sehe, wie glücklich sich beide anschauen, und wie das Bäumchen wächst und leuchtet und zum allerschönsten Christbaum wird von der ganzen Welt.
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Mit Anmerkungen für Unternehmen / Organisationen und Führungskräfte
Die Weihnachtsgeschichte von Maria und Josef thematisiert auf leise, aber eindringliche Weise Einsamkeit trotz sozialer Nähe und den inneren Konflikt zwischen Anpassung und authentischem Selbstausdruck. Beide Hauptfiguren sind funktional integriert: Josef arbeitet zuverlässig, Maria ist sozial kompetent und beliebt. Dennoch erleben beide eine tiefe innere Leere. Psychologisch betrachtet stehen sie exemplarisch für Menschen, die rollenhaft funktionieren, dabei aber den Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Worten verlieren.
Josefs Schweigen ist kein Charakterfehler, sondern das Ergebnis einer chronischen Selbstzensur: Sprache wird bei ihm zum Werkzeug, nicht mehr zum Ausdruck. Maria wiederum erlebt die Kehrseite emotionaler Dienstleistung – ihre Freundlichkeit wird missverstanden, Grenzen werden nicht respektiert. Beide leiden unter Beziehungsabbrüchen, die nicht aus Mangel an Kontakt, sondern aus Mangel an echter Resonanz entstehen.
Die Begegnung der beiden gelingt nicht durch perfekte Kommunikation, sondern durch Zuhören, Präsenz und Mut zur Verletzlichkeit. Entscheidend ist der Wendepunkt, an dem Josef trotz Angst handelt. Psychologisch markiert dies den Übergang von Passivität zu Selbstwirksamkeit. Das billige Plastik-Christbäumchen wird so zum starken Symbol: Nicht äußere Perfektion, sondern gelebte Beziehung verleiht Bedeutung und Sinn.
Die Geschichte macht deutlich: Nähe entsteht nicht durch Worte allein, sondern durch das Wagnis, sich zu zeigen – auch unvollkommen. Liebe wirkt hier als korrigierende Erfahrung gegen alte Muster von Rückzug, Funktionieren und Einsamkeit.
Diese Frage betrifft nicht nur die beiden Akteure unserer Weihnachtsgeschichte, sondern wohl jeden Menschen. Dass Geld nicht alles ist, dass wir Altlasten und negative Programmierungen loswerden sollten, dass wir Ziele brauchen, Beziehungsfähigkeit, Optimismus und Lebensfreude – alle diese Faktoren lernen wir oft erst dann schätzen, wenn es fast schon zu spät ist. Und wie ist das bei Ihnen? Wollen auch Sie sich die Frage stellen, was Ihnen wirklich wichtig ist im Leben? Wollen auch Sie entscheiden, und zwar selbst entscheiden, wie Ihr Weg weiter geht, ob Sie sich von alten Gewohnheiten weitertreiben lassen oder jetzt gute Lösungen finden für sich und damit letztlich auch für alle, die mit Ihnen zu tun haben? Sicher – es klappt nicht immer auf Anhieb. All zu mächtig sind die eingefahrenen Rollen und auch die Erwartungen unserer Umwelt, für die wir ja bisher immer „funktioniert“ haben. Anderseits: es gibt Unterstützung!


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Mag. Magdalena Gasser
Institutsleitung, Personalentwicklung, Coaching