
Die Landschaft ist erstarrt und freudlos, Schnee ist noch keiner gefallen, der Boden farblos graubraun und eiskalt gefroren.
Ein Rechen kratzt über den harten Boden. Mit seinen altersschwachen Zinken sammelt er das letzte Herbstlaub ein. Langsame Bewegungen, mühevolle Arbeit, er ist müde.
Das ganze Jahr lang hat er seine Arbeit mit Begeisterung getan.
Im Frühling hat er sich mit Freude an die Gartenarbeit gemacht, Platz geschaffen für all das neue frische Grün. Hat Knospen schwellen sehen, hat den Duft der Blüten gerochen, hat überall das hervorbrechende Leben beobachtet.
Der Sommer war voll und blau und rund. Der Rechen kraftvoll und in Schwung.
Der Herbst war reich und bunt und golden. Der Rechen in Hochform.
Aber jetzt? Der Rechen fühlt sich verbraucht, sein Stiel ist abgegriffen, ein paar Zinken sind ihm ausgefallen. Er ist alt. Er ist müde. Er ist lustlos. Er macht das halt gerade noch. Und so schabt er eben noch ein wenig weiter. Es ist ein träges, müdes Kratzen. Seine letzte Arbeit im Jahr.
Die Blätter überlassen sich dem rhythmischen Tun mit trockenem, ergebenem Rascheln. Das Scharren des Rechens und das Rascheln der Blätter verbindet sich zu frostiger Dissonanz. Der Boden ist kalt. Der Himmel ist trüb. Die Landschaft ist grau. Alles ist freudlos, erstarrt, tot.

Neues Leben unter dem Laub!
Bild: TELOS
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Doch mit dem letzten Rechenzug zieht plötzlich quer durch die farblose Monotonie ein leiser Geruch. Kaum wahrnehmbar, süß und frisch.
Das Scharren hält inne, die Blätter verstummen.
Weiße Blüte, gelbe Samenstempel, grüne Blätter: da steht doch tatsächlich ein kleines zartes Blümlein mitten im harten Boden, mitten im Winter, mitten in dieser Starre.
Mit seiner letzten Bewegung hatte der alte Rechen eine kleine Christrose freigelegt, halb ist sie noch vom welken Laub verdeckt. Und trotzdem: Ein Versprechen von Wärme, von Sonne von Leben. Ein frischer Trieb mitten im grauen Blätterlaub, ein Zeichen, das jetzt alles ändert.
Der alte Rechen spürt nicht mehr seine Müdigkeit, er hat neuen Auftrieb. Sein abgegriffener Stiel ist kein Altersgebrechen, sondern zeugt doch bloß von seiner großen Erfahrung. Seine fehlenden Zinken sind kein Grund für Rechendepression, man kann sie leicht ersetzen, so dass sein Gebiss wieder richtig zupacken kann. Ha, er ist jung, kräftig und freudig!
Einen Augenblick verweilt er noch vor der Christrose. Dann macht sich der junge alte Rechen wieder an seine Arbeit. Doch jetzt ist sein Scharren anders, schneller, lustvoller. Und das Rascheln der alten Blätter wird zur fröhlichen Melodie. Die von Zukunft singt, von Hoffnung und von der Zuversicht auf das Wiedererwachen.
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Mit Anmerkungen für Unternehmen / Organisationen und Führungskräfte
Die Geschichte vom alten Rechen beschreibt eine universelle menschliche Erfahrung: Phasen intensiven Engagements führen früher oder später zu Müdigkeit, Zweifel und Sinnverlust. Erstarrung entsteht nicht durch Schwäche, sondern durch fehlende Perspektive. Die Geschichte zeigt, dass Erschöpfung kein persönliches Scheitern ist, sondern Teil natürlicher Zyklen von Leistung und Regeneration. Wo Menschen erkennen, wofür ihr Einsatz gebraucht wird, entsteht neue Energie.
Für Unternehmen macht sie sichtbar, dass Motivation nicht dauerhaft abrufbar ist, sondern immer wieder neu entstehen muss – durch Sinn, Anerkennung und Entwicklung.
Der Rechen steht für Phasen im Leben, in denen wir mit Sinn und Begeisterung wirken und erleben, dass unser Einsatz sichtbar etwas bewirkt. Identität, Selbstwert und Lebensfreude entstehen hier aus Wirksamkeit und Zugehörigkeit zum Kreislauf des Lebens.
Bedeutung für Unternehmen & Führung: Menschen leisten über lange Zeit gerne viel, wenn sie Sinn, Entwicklung und Rückmeldung erleben. Führung sollte diese produktiven Phasen bewusst wahrnehmen und wertschätzen, statt sie als selbstverständlich zu betrachten.
Erschöpfung entsteht nicht aus Faulheit, sondern aus Dauerengagement ohne Erneuerung. Wenn Energie fehlt, neigen Menschen dazu, sich selbst als „verbraucht“ zu bewerten – obwohl es sich oft um ein vorübergehendes Stadium handelt.
Auch in Unternehmen sind Müdigkeit, Zynismus oder Rückzug häufig Signale von Überlastung, nicht von fehlender Motivation. Führung ist gefordert, diese Zustände ernst zu nehmen, bevor innere Kündigung entsteht.
Hoffnung zeigt sich oft leise und unerwartet – mitten in scheinbar toten Phasen. Schon kleine Zeichen von Sinn, Entwicklung oder Zukunft können innere Starre lösen und neue Perspektiven eröffnen.
Innovation und Aufbruch beginnen auch in Organisationen oft mit kleinen, leisen Signalen. Führung braucht Aufmerksamkeit für kleine positive Signale und die Fähigkeit, Potenzial zu erkennen, bevor es offensichtlich wird.
Mit neuer Perspektive wandelt sich Selbstbild: Was zuvor als Mangel erschien, wird zur Ressource. Erfahrung, Narben und Verluste verlieren ihre Schwere, wenn sie in einen sinnvollen Zusammenhang gestellt werden.
Erfahrene Mitarbeitende gewinnen neue Kraft, wenn ihre Kompetenz anerkannt und sinnvoll eingesetzt wird. Führung kann Energie freisetzen, indem sie Stärken neu rahmt, statt Defizite zu betonen.
Hoffnung verwandelt Pflicht in Freude und Anstrengung in Sinn. Wenn Zukunft vorstellbar wird, kehren Lebendigkeit, Motivation und Gestaltungswille zurück.
Nachhaltige Leistungsfähigkeit entsteht nicht durch Druck, sondern durch Zuversicht. Führung schafft Stabilität, indem sie Orientierung gibt und glaubwürdige Zukunftsbilder ermöglicht.
Erschöpfung ist kein Endzustand, sondern oft ein Übergang. Hoffnung keimt nicht durch große Veränderungen, sondern durch das Wiederentdecken von Bedeutung im Bestehenden. Erfahrung wird dann nicht als Verschleiß erlebt, sondern als tragende Ressource.
Zukunftsfähigkeit in Unternehmen entsteht nicht nur durch ständige Optimierung, sondern durch bewusste Sinnstiftung und Wertschätzung vorhandener Kompetenzen. Und Hoffnung entsteht dort, wo Sinn sichtbar wird – und sie ist eine der stärksten regenerativen Kräfte des Menschen. Reflexionsfragen für Führungskräfte:
• Wo erleben Mitarbeitende aktuell Erschöpfung – und wo vielleicht fehlenden Sinn statt fehlender Motivation?
• Welche „Christrosen“ (kleinen Signale von Entwicklung oder Hoffnung) übersehen wir im Alltag?
• Wie sichtbar ist der Zweck unserer Arbeit jenseits von Kennzahlen und Zielen?
• Wo werden Erfahrung und lange Zugehörigkeit als Stärke genutzt – und wo als Belastung interpretiert?
• Was braucht es, damit aus Pflicht wieder Beteiligung wird?
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Mag. Magdalena Gasser
Institutsleitung, Personalentwicklung, Coaching