
Ein Bergdorf im Schneeflockengestöber, geschmückte Schlitten mit Klingeling, Almhüttenromantik, Stubenmusik mit Zitherbegleitung, Weihnachtskekse, Christstollen, heimelig-warmes Kerzenlicht, alle sind in Feierlaune, zufrieden und glücklich. Na ja, fast alle. Franz zum Beispiel gar nicht. Er sagt:
„Weihnachtszauber, Lametta und Familienidyll – dass ich nicht lache! Schon im Advent blinken überall Kerzenattrappen, der Christkindlmarkt bietet Glühwein-Nebel, Pseudotannendeko und Krippenkitsch: ein kuhfladenfreier Stall mit Engeln, Königen und Viechern, Viecherei Made in China. Höhepunkt: der Heilige Abend. Die „Mitternachtsmette“ schon um 18 Uhr, damit genügend Zeit bleibt für die Bescherung, Paketberge voller „origineller“ Überraschungen: dieselbe Krawatte wie letztes Jahr, ein Wunderküchengerät leider unverwendbar, weil Anleitung unlesbare Hieroglyphen, (hätte man vielleicht doch besser beim lokalen Händler gekauft), das Skateboard für den Sohn, der seit zwei Jahren nicht mehr fährt, das neue Elektro-Kaminfeuer mit täuschend imitiertem Flackern, laut Beipackzettel auch ohne Bärenfell ein Lustbrunnen für Paare, na bravo! Und dann noch die Bonbonniere, die wir vor 4. Jahren verfallen weitergeschenkt haben – jetzt ist sie zurück. Egal, der Müllberg ist ohnehin riesig. Ich finde das alles zum Kotzen!“
Liegt es nur am Weihnachtskitsch – oder an ihm selbst? Er ist seit vier Jahren geschieden, sein Sohn Peter blieb währen der Oberschule bei ihm, sie verstanden sich gut und feierten zu zweit auch gemütliche Weihnachten. Heuer begann Peter sein Studium in Österreich, der Kontakt blieb gut erhalten, trotz der Entfernung. Doch dann, kurz vor Weihnachten die Nachricht: er verbringt die Feiertage bis Silvester mit Studienfreunden auf einer Almhütte. Für Franz ein Schock: zum ersten Mal Weihnachten alleine. Nach anfänglicher Fassungslosigkeit kam er ins Grübeln, dann fasst er einen Entschluss:
Er will etwas zu tun, das er seit Jahren vor sich herschiebt: Menschen einladen, mit denen er sonst nie Zeit verbringt. Er beginnt klein. Er klingelt bei Frau Huber, der älteren Nachbarin, die seit dem Tod ihres Mannes so wirkt, wie er sich fühlt: einsam. „Hätten Sie Lust, am Heiligen Abend gemeinsam zu essen? Ich koche was Ordentliches, nicht nur Tiefkühlpizza.“ Frau Huber ist überrascht wie gerührt und sagt spontan zu.
Dann denkt er an Toni, den neuen Mieter, der noch niemanden hier kennt. Und an den pensionierten Lehrer, der immer so freundlich grüßt. „Es wird nichts Besonderes“, sagt Franz. „Aber besser als alleine sitzen.“

Abend der offenen Tür …
Bild: TELOS
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Heiligabend kommt. Keine Lamettaorgie, keine Geschenke-Schlacht. Franz hat gekocht – schlicht, aber gut. Die Gäste bringen nichts Materielles mit, sondern Geschichten, Erinnerungen, Humor. Es wird gelacht, nostalgisch geschwiegen, sogar musiziert (Frau Huber spielt harmonisch schief „Stille Nacht“ auf der Ziehharmonika), und Franz fühlt plötzlich etwas, das er nicht erwartet hat: Verbundenheit.
Es wird gemütlich – nicht vom Elektrokamin mit Fake-Flamme (den er ja wirklich noch hat), sondern von echten Menschen, die sich gegenseitig Zeit schenken. Irgendwann klopft es. Die Familie aus dem Erdgeschoss steht mit Keksen vor der Tür, sie haben Musik gehört und fragen, ob sie kurz hereinkommen dürfen. Die Runde wächst, Teller werden nachgereicht, und die Wohnung füllt sich. Mit Menschen und mit Wärme. Franz spürt, dass seine Bitterkeit langsam schmilzt. Wie Schnee, wenn die Sonne herauskommt.
Spät am Abend ruft sein Sohn an: „Papa, es ist mega hier, aber mir fehlt unser Weihnachtsritual. Vielleicht feiern wir im Jänner nach, nur wir zwei?“ Franz fühlt keinen Stich mehr, sondern Stolz: Peter baut sich ein Leben auf und Franz hat seines neu geöffnet. Das Bergdorf bleibt verschneit, die Stube warm, der Sohn präsent. Die einsame Küche in der Stadt lebt jetzt, Menschen lachen, Herzen auch. Franz hat den Zauber nicht gefunden, er hat ihn gemacht.
Als die letzten Gäste gehen, bleibt er auf dem Sofa sitzen. Er denkt: Weihnachten war nie die Deko, nie die Paketberge, nie das perfekte Bild. Es war immer die Nähe, die man schafft. Und das ist vielleicht die schönste Weihnachtsgeschichte: Friede, Freude und echte Gemeinschaft, ganz ohne Lametta. Und das stille Wissen, dass Einsamkeit ihren Schrecken verliert, wenn man nur die Tür öffnet.
Am nächsten Morgen steht Frau Huber vor der Tür mit einem Teller Restknödel und einem schelmischen Lächeln: „Franz, das sollten wir öfter machen. Vielleicht an Silvester? Oder gar ein monatlicher Stammtisch?“ „Warum nicht?“, sagt Franz – und meint es.
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Mit Anmerkungen für Unternehmen / Organisationen und Führungskräfte
Die Weihnachts-Situation von Franz hat weniger mit Lametta und Christkindlmärkten zu tun, als mit einem klassischen psychologischen Mechanismus: Verlust + Kontrollverlust = Frustration + Projektion.
Frustration in Organisationen entsteht oft aus erlebtem Verlust und Kontrollverlust – nicht aus äußeren Symbolen oder Maßnahmen. Führung ist gefordert, die eigentlichen Ursachen zu erkennen, statt Projektionen zu verstärken.
1. Verlust
Nach der Scheidung blieb sein Sohn der wichtigste soziale Anker. Weihnachten war ihr gemeinsames Ritual – ein stabilisierendes Beziehungselement. Dass Peter dieses Ritual erstmals bricht, löst bei Franz nicht nur Einsamkeit aus, sondern auch ein Gefühl von „Ich bin nicht mehr gebraucht“.
Verlust von Rollen, Routinen oder Bedeutung kann bei Mitarbeitenden das Gefühl auslösen, nicht mehr gebraucht zu werden. Führung sollte solche Übergänge aktiv begleiten, statt sie zu bagatellisieren.
2. Kontrollverlust
Rituale geben Halt, Struktur und Identität. Wenn etwas, das Bedeutung trägt, plötzlich wegfällt, entsteht innere Unruhe. Statt diese Unsicherheit zu fühlen, lenkt Franz sie nach außen ab und richtet seine Wut auf Symbole: Konsum, Kitsch, Glühwein, Geschenke. Psychologisch ist das eine Verschiebung: Wenn der innere Schmerz nicht erkannt oder zugelassen wird, wird er nach außen verlagert – in Form von Zynismus oder Überkritik.
Wenn vertraute Strukturen wegfallen, steigt auch in Organisationen die Neigung zu Zynismus und Schuldzuweisungen. Gute Führung erkennt Überkritik als Signal innerer Unsicherheit – nicht als Widerstand.
3. Der Wendepunkt: Selbstwirksamkeit
Der entscheidende Moment kommt, als Franz aktiv wird. Er verlässt die Opferrolle, indem er handelt: Er lädt Menschen ein. Er schenkt Nähe, statt sie zu erwarten. Das erzeugt Selbstwirksamkeit, ein Schlüsselfaktor für psychische Gesundheit.
Auch in Unternehmen und Organisationen entsteht psychische Stabilität dort, wo Menschen wieder gestalten können. Führung stärkt Selbstwirksamkeit, indem sie Handlungsspielräume öffnet und Eigeninitiative ermöglicht.
4. Soziale Kohärenz statt Perfektion
Psychologisch heilend ist nicht das perfekte Fest, sondern Zugehörigkeit, gegenseitige Wahrnehmung und Austausch. Franz erlebt, dass Verbundenheit nicht passiert, sondern gestaltet wird. Damit wandelt sich sein Narrativ von „Ich bekomme nichts“ zu „Ich kann etwas geben“.
Leistungsfähige Teams brauchen keine perfekten Prozesse, sondern erlebte Zugehörigkeit. Zusammenarbeit wird stabil, wenn Beziehung und Austausch bewusst gestaltet werden.
5. Reife Zeichen
Als der Sohn anruft, spürt Franz keinen Schmerz, sondern Stolz. Das zeigt, der Fokus verschiebt sich weg von Verlust hin zu Entwicklung, sowohl bei ihm als auch bei seinem Sohn.
Gerade in Unternehmen wird sichtbar, dass sich Reife dann zeigt, wenn Entwicklung anderer nicht als eigener Verlust erlebt wird. Führungskräfte, die Wachstum zulassen, fördern langfristige Bindung und Vertrauen.
Franz’ Geschichte zeigt eine Grunddynamik:
• Einsamkeit schmerzt, aber sie verliert ihre Macht, wenn man die Initiative ergreift.
• Nähe entsteht nicht durch Dekoration oder Geschenke, sondern durch Begegnung.
Psychologisch ist Franz nicht „vom Zauber berührt worden“, sondern er hat ihn selbst erzeugt. Und das ist die stabilste Form innerer Stärke.
Motivation und Engagement von Mirarbeitern lassen sich nicht verordnen – sie entstehen durch Initiative und Beziehung. Stabile Organisationen fördern nicht den äußeren Schein, sondern die innere Beteiligung.
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Mag. Magdalena Gasser
Institutsleitung, Personalentwicklung, Coaching