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Wenn die Stille spricht – Eine Weihnachtsgeschichte

Eine Weihnachtsgeschichte aus Berg und Tal, mit Mensch und Tier.

Weihnachten nein danke!

Dieses Jahr hatte Sebastian genug. Genug von Glitzer, genug von Glühweinständen mit zu lauter Musik, genug von erzwungenen Familienbesuchen, bei denen sich niemand wirklich verstand. Weihnachten war für ihn zum Pflichtprogramm geworden. Dieses Jahr würde er aussteigen.

Aufstieg zur Almhütte

Kurzentschlossen packte er am Morgen des 24. seinen Rucksack. Ziel: die alte Almhütte. Als Kind hatte er hier die beste Zeit seines Lebens verbracht. Kein Strom, kein Handy, keine Störung – und genau das war der Plan. Die Hütte war ein Über-bleibsel seiner Familie, fast vergessen, niemand kümmerte sich darum. Für Sebas-tian war sie ein Symbol von Freiheit, Einfachheit und Stille.
Er schnaufte, schwitzte, rutschte. Der Aufstieg durch den verschneiten Wald war mühsam. Als schließlich die vertrauten Umrisse der Hütte auftauchten, war alles gut. Das hektische Treiben unten im Tal war jetzt weit weg.

Traumhaft schön

Die ersten Stunden auf der Hütte waren ein Traum. Er entzündete Feuer im alten Ofen. Bis es in der Hütte richitg warm würde, setzte er sich mit seinem Proviant in die Sonne auf die Bank vor der Tür. Vor ihm lag der verschneite Wald, hinter ihm knackte das Holz im Ofen. Es war, als würde er endlich durchatmen. Kein Handy, keine To-do-Listen, keine Gespräche, die niemand führen wollte. Es war wunderbar.


Der Abend kommt, Sebastian denkt, das Tierchen huscht.
Foto: TELOS

Viele Fragen

Doch die Magie hielt nicht an. Als der Tag in den Abend glitt, spürte Sebastian eine Leere, die er nicht erwartet hatte. Er hatte gehofft, er würde hier oben Abstand gewinnen und das Glück seiner Kindheit wiederfinden – dieses Gefühl von Gebor-genheit und Bedeutung. Stattdessen schlich sich ein Gedanke in seinen Kopf: War ich damals wirklich glücklich, weil ich hier war? Oder war es etwas anderes?
Seine Gedanken wanderten weiter. Damals war die Hütte nie nur SEIN Rückzugs-ort gewesen. Da waren sein Großvater, der mit ihm Holz hackte, die Nachbarn, die abends auf einen Schnaps vorbeischauten und die Geschichten, die sie sich erzählten. Das Alleinsein hatte sich damals gut angefühlt – aber nur, weil es nicht IMMER so war. Das war der Unterschied.

Die Einsicht

Es war kühl geworden. Zeit nach innen zu gehen. Sebastian legte Holz nach, holte sein kleines Notizbuch aus dem Rucksack, zündete eine Kerze an und begann zu schreiben: Wen in seinem Leben wollte er wirklich sehen? Mit welchen Menschen wollte er Zeit verbringen und mit welchen nicht? Warum ließ er sich von so vielen Erwartungen und Pflichtgefühlen treiben? „Vielleicht ist das die Lehre für mich“, murmelte er. „Nicht einfach mitmachen, sondern selbst entscheiden, wie und mit wem ich die Zeit verbringe.“
Die Stunden vergingen, die Kerze war fast niedergebrannt. Sebastian legte den Stift zur Seite. Viele Ideen waren zu Papier gebracht. Von manchen Leuten würde er sich mehr abgrenzen. Aber für andere wollte er mehr da sein – bewusst, mit echter Freude. Und Morgen würde er damit beginnen.

Das schlaue Tier und der Mensch

Er stand auf, löschte die Kerze und blickte durch das kleine Fenster auf die ver-schneite Lichtung. Und da sah er es: Ein Tier huschte durch den Schnee – war es ein Dachs? Das Tierchen verschwand im Schatten eines Busches am Waldrand, scheinbar zielstrebig. „Trifft es jetzt seine Familie oder seine Freunde? Weil es muss ooder weil es will?“, fragte sich Sebastian. „Dieses Kerlchen ist schlauer als ich.“
Sebastian grinste. Morgen würde er ins Tal zurückkehren – aber nicht zu den üblichen Pflichtbesuchen. Er würde sich bei den Menschen melden, die ihm wichtig waren. Ein Kaffee, ein Spaziergang, eine echte Unterhaltung. Nicht, weil es Weihnachten war, sondern weil er es so wollte.
Und so schlief er ein – auf der alten Holzbank, neben dem knisternden Ofen, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Weihnachten, dachte er, war kein Datum. Es war eine Entscheidung.

 

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Kurze psychologische Analyse

Mit Anmerkungen für Unternehmen / Organisationen und Führungskräfte

1) Weihnachtsmüdigkeit

Sebastians Ablehnung von Weihnachten steht psychologisch für Überdruss durch soziale Pflichtprogramme. Rituale verlieren ihre Bedeutung, wenn sie fremdbestimmt erlebt werden.
Für Unternehmen, Organisationen und Führungskräfte bedeutet dies: Pflichttermine, Rituale und „So-macht-man-das-hier“-Programme verlieren Wirkung, wenn Sinn und Freiwilligkeit fehlen. Führung ist gefordert, Strukturen regelmäßig zu hinterfragen, statt Traditionen unreflektiert fortzuschreiben.

2) Rückzug in die Stille

Der Aufstieg zur Almhütte symbolisiert eine klassische Bewältigungsstrategie: ein Verhalten, Denkmuster oder eine Handlung, um mit Stress, belastenden Situationen, Krisen oder emotionalen Herausforderungen besser umzugehen und die psychische Belastung zu reduzieren. Also Rückzug, Reduktion von Reizen, Wiederherstellung von Kontrolle. Natur, Stille und Einfachheit wirken als Hilfe um Abstand vom Erwartungsdruck zu gewinnen und innere Ordnung herzustellen.
Für die Wirtschaft: Räume für Abstand, Reflexion und Entlastung sind kein Luxus, sondern Voraussetzung für Leistungsfähigkeit. Gute Führung erkennt, wann Rückzug gesund ist – und ermöglicht ihn aktiv.

3) Korrigierte Erinnerung

Die anfängliche Idylle kippt, als Sebastian erkennt, dass seine Kindheitsglückserinnerung nicht aus der einsamen Hütte entstand, sondern aus Verbundenheit bei gleichzeitiger Freiheit, durch Gemeinschaft ohne Zwang. Psychologisch ist dies eine Entzauberung idealisierter Erinnerungen und ein wichtiger Reifeschritt.
Viele Organisationen hängen an idealisierten Bildern früherer Erfolge. Reife Führung unterscheidet zwischen dem, was damals wirklich getragen hat (Beziehung, Vertrauen), und dem, was nur nostalgisch verklärt wird.

4) Selbstreflexion & Autonomie

Das Schreiben im Notizbuch markiert den Übergang von Vermeidung zu Selbstverantwortung. Sebastian unterscheidet erstmals bewusst zwischen „Ich muss“ und „Ich will“ – ein Kernmoment psychologischer Autonomieentwicklung.
Motivation entsteht dort, wo Mitarbeitende zwischen „müssen“ und „wollen“ unterscheiden dürfen. Führung fördert Selbstverantwortung, indem sie Wahlmöglichkeiten schafft, statt Druck zu erhöhen.

5) Beziehung als bewusste Wahl

Sinn entsteht nicht durch Tradition, nicht als soziales Muss, sondern als persönliche Entscheidung, durch freiwillige, echte Begegnung.
Für Unternehmen und Organisationen: Zusammenarbeit funktioniert nicht über formale Zugehörigkeit, sondern über echte Beziehung. Führung bedeutet, Begegnung und Dialog bewusst zu gestalten – nicht sie vorauszusetzen.

6) Fazit

Psychische Entlastung entsteht nicht durch Rückzug allein, sondern durch bewusst gewählte Nähe.
Nachhaltige Leistungsfähigkeit entsteht nicht durch Distanz oder Dauerbelastung, sondern durch bewusst gestaltete Zusammenarbeit. Organisationen brauchen klare Beziehungen, nicht permanente Verfügbarkeit. Gute Führung bedeutet nicht, Probleme zu meiden oder Druck zu erhöhen, sondern Beziehung aktiv zu ermöglichen. Teams funktionieren dort am besten, wo Nähe erlaubt und Grenzen klar sind.

 

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Mag. Magdalena Gasser
Institutsleitung, Personalentwicklung, Coaching